Filmtipp: Die letzten Reporter - eine Kritik unserer Teilnehmerin Sassetta Harford

20.12.2021

„Seit 1954 leb ich schon hier. Ohne den Bürgerbus wär‘s schlecht.“ Im Bürgerbus Bienenbüttel notiert Lokalreporterin Anna Petersen gewissenhaft, was ihr von der Dame erzählt wird. Noch oft wird sie nachhaken, immer mit einer Ausstrahlung voll Respekt und ehrlichem Interesse für die Geschichten, die sie, wie sie sagt, nur auf dem Land bekommt.

Jean Boués Dokumentarfilm „Die letzten Reporter“ (2020) dokumentiert auf vielschichtige, empathische Art, wie sich die Arbeit von Lokaljournalist:innen verändert – und liefert, ganz nebenbei, einen Einblick in die Provinz. Doch die Provinz ist nicht nur Kulisse, sondern stille Akteurin.
Drei Reporter:innen werden bei der Arbeit begleitet. Der Film zeigt Anna Petersen, als Nachwuchsreporterin bei der Lüneburger Landeszeitung, Thomas Willmann, Sportreporter bei der Schweriner Volkszeitung, und Werner Hülsmann, langjähriger Kolumnist und Gesellschaftsreporter der Osnabrücker Nachrichten.

In einer Szene werden gestandene Reporter:innen gebrieft, wie sie auf Smartphone-
Journalismus umstellen müssen. Ihnen wird von Jüngeren gepredigt, wie sie zu einer Marke werden sollen. „Aber ich will mich doch nicht zum Inhalt machen, sondern die Geschichten!“ Da ist es eine fast ironische Wendung, dass die begleiteten Journalist:innen gerade durch ihre Arbeit in der Doku als persönliche „Marke“ offenbar werden.
Die Leidenschaft, mit der Thomas Willmann sich jedes Wochenende frühmorgens zu
Kreisligaspielen aufmacht, und das Mitgefühl, das in seiner Berichterstattung Platz findet, wenn jemand mal einen Elfmeter verschießt, sickern fast durch den Bildschirm. Die Verbindung, die Werner Hülsmann zu den Stars, Sternchen und Musikschaffenden hat, ist organisch und entspringt seiner Begeisterung und Persönlichkeit.

Den Idealismus, mit dem Anna Petersen dem „Glasturm“ der Süddeutschen Zeitung den Rücken zukehrte, um lieber Geschichten aus der Region aufzugreifen, bringt ihr sogar einen Inklusionspreis.

Boué schafft es, auch Unsicherheiten so zu zeigen, dass Akteur:innen menschlich, nicht schwach wirken. Der Regisseur kann auf Jahrzehnte voll erfolgreicher Dokumentarfilme zurückblicken und lebt heute in der brandenburgischen Provinz, was ein Grund für die Sensibilität gegenüber dem Landleben sein könnte.
Es ist ein Blick auf die Provinz, der gerade Großstadtmenschen etwas Arroganz austreiben könnte. Während der gesellschaftliche Trend zu einer krisenhaften städtischen Verdichtung ungebrochen ist, wurden seit Ausbruch der Pandemie Rufe nach einer Rückkehr aufs Land laut. In diesem Film finden Geschichten von Menschen Platz, für die das Leben auf dem Land kein Plan B ist, sondern ein interessantes und gleichberechtigtes.

Dieser Dokumentarfilm ist ein Muss für jene, die sich für die Zukunft der Medien interessieren, und den Wandel der Arbeitswelt. Doch er verdient ein breiteres Publikum, was vielleicht so auf unerwartetem Weg neue Wertschätzung für Geschichten aus der Region empfinden kann, fernab von billigen Pointen über Taubenzuchtvereine.
Der Film ist noch bis zum 01.01.2022 in der ARD-Mediathek hier abrufbar. Es lohnt der Blick in die Provinz.

 

Dieser Beitrag ist im Rahmen unserer Praxiswerkstatt "Meinungsbetonte Textsorten" entstanden. Wir danken unserer Teilnehmerin Sassetta Harford, dass wir ihren Text veröffentlichen durften.