Kurseinheit R040 Geschichte des Journalismus

Kurseinheit

Lernziel Die Teilnehmenden sollen die historischen Bedingungen und den historischen Wandel des Journalismusberufs wiedergeben können.
 
Studienbriefautor Prof. Dr. Rudolf Stöber
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wird historisch interessierten Teilnehmenden empfohlen, die sich mit der Entwicklung des Journalismusberufs auseinandersetzen möchten.
 
Inhalte Überblick; Anfänge: Randbedingungen/Wandel, verwandte Berufe und Frühformen; Journalismusgeschichte: Phasen, qualitative und quantitative Entwicklungen; Professionalisierung/Konzept; Synthese.
 
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Geschichte des Journalismus

Obwohl der Beruf des Journalisten zu den Berufen mit einer sehr langen Tradition gehört, ist das Berufsbild einem kontinuierlichen Wandel unterworfen. Der Grund dafür liegt darin, dass der Beruf sehr eng mit den Entwicklungen in der Welt der Medien verbunden ist und von äußeren Faktoren beeinflusst wird. Dazu gehört etwa die Frage, welches Maß an Pressefreiheit in der jeweiligen Gesellschaft herrscht.

Die Anfänge des Journalismus

Die Wurzeln des Journalismus reichen bis ins erste vorchristliche Jahrhundert zurück, als im Römischen Reich ein tägliches Informationsblatt namens Acta Diuma erschien. Etwa zur selben Zeit erschien außerdem eine Wochenzeitung, die neben Nachrichten und offiziellen Informationen auch Unterhaltung bot.

Diese junge Zeitungslandschaft überlebte das Ende des Römischen Reiches nicht, was einen informationstechnischen Rückschritt bedeutete. Denn während des Mittelalters beschränkte sich die Verbreitung von Informationen auf die Verteilung von Flugblättern an wichtigen Handelsplätzen. Dieter Paul Baumert definierte diese Zeit als präjournalistische Phase. Das wesentliche Merkmal bestand darin, dass das Nachrichtenwesen - abgesehen von der ersten Blütezeit während des Römischen Imperiums - nicht professionell betrieben wurde.

Der Journalismus wird modern

Den Schritt hin zum korrespondierenden oder referierenden Journalismus vollzog der Zeitungsverleger Johann Carolus aus Straßburg im ausgehenden 16. Jahrhundert. Dieser wurde allwöchentlich von Korrespondenten aus Städten, durch welche wichtige Postrouten verliefen, mit Nachrichten versorgt. Diese wurden von Hand kopiert und an Abonnenten verschickt. Dabei handelte es sich größtenteils um Kaufleute, die europaweiten Handel betrieben und die sich deshalb über die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung auf dem Kontinent auf dem Laufenden halten wollten. Nachdem Carolus zu Beginn des 17. Jahrhunderts drei Druckerpressen gekauft hatte, wurden die Nachrichtenblätter gedruckt.

Mit La Gazette erschien ab 1631 die erste Zeitung mit einem Konzept, das vergleichbar mit modernen Zeitungen ist. Hier wurden auch zahlreiche heute noch übliche Darstellungsformen wie Bericht oder Kommentar erstmals verwendet. Wenige Jahrzehnte später erschienen auch in den USA die ersten Zeitungen, die sich an eine gebildete Zielgruppe richteten. Allerdings erfolgte die Berichterstattung häufig neutral vermittelnd, ohne dass eine redaktionelle Bearbeitung erfolgte.

Das Berufsbild entsteht

Technischen Verbesserungen war es Anfang des 19. Jahrhunderts zu verdanken, dass Zeitungen und andere Printmedien erheblich günstiger hergestellt werden konnten als zuvor. Allmählich kristallisierte sich nun auch das Berufsbild des Journalisten heraus. Allerdings verfassten diese in dieser Zeit zumeist sehr meinungsgefärbte Beiträge. Weil die wichtigste Zielgruppe nach wie vor die Spitze der Gesellschaft war, wurden häufig auch geistig äußerst anspruchsvolle Beiträge verfasst.

Redaktioneller Journalismus, wie er heute verstanden wird, wurde schließlich im New York Herald, der ab 1835 erschien, erstmals betrieben. Diese Zeitung ging mit dem Anspruch auf den Markt, aktuelle Informationen objektiv zu schildern. Seinen endgültigen Durchbruch erlebte dieser sogenannte informative Journalismus allerdings erst in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

Bildung als Entwicklungsmotor für die Medien

Weil ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auch die gehobene Mittelschicht einen leichteren Zugang zur Bildung hatte, erschlossen sich damit neue Zielgruppen für Zeitungen und Zeitschriften. Der zeitgleich erfolgende technische Fortschritt ermöglichte bessere Kommunikationskanäle und eine günstigere Produktion, sodass nun die ersten Massenmedien entstanden.

Der Journalismus beschleunigt sich

Wichtiger als die bewegten Bilder, die in Form von sogenannten Wochenschauen im Kino einen Überblick über die Nachrichten der vergangenen Tage boten, wurde in den 1920er Jahren der Hörfunk. Nun konnten Journalisten erstmals in Echtzeit von aktuellen Ereignissen berichten. Das Berufsfeld wurde dadurch um Moderatoren und Kommentatoren erweitert.

Dieses neue Medium hatte aber auch Einfluss auf die Zeitungen: Weil diese nicht so aktuell berichten konnten, begannen Printjournalisten damit, die Nachrichten zu kommentieren und zu analysieren. Daraus entwickelte sich der interpretative Journalismus. Darunter versteht man die Präsentation einer Nachricht im größeren Zusammenhang und die Ergänzung um Hintergrundinformationen. Eine erste Blütezeit erlebte diese Art des Journalismus Ende der 1920er Jahre, weil bei den Mediennutzern ein großer Bedarf nach einer Erklärung für die Ursachen der Weltwirtschaftskrise vorhanden war. In den 1950er Jahren wurde der interpretative Journalismus zur dominierenden journalistischen Form.

Der Journalismus in Bildern

Für einen regelrechten Quantensprung in der jüngeren Geschichte des Journalismus sorgte Ende der 1940er Jahre das Fernsehen als neues Massenmediun. Durch das Fernsehen konnten die Bilder von Ereignissen gewissermaßen direkt in die Wohnzimmer der Mediennutzer übertragen werden.

Neue Formen entstehen

Diese neuen Medien und ihr rasanter Erfolg sorgten dafür, dass sich Journalisten auf bestimmte Teilbereiche spezialisierten und sich für jede Mediengattung eigene Darstellungsformen entwickelten. Der informative Journalismus wurde zur Domäne von Hörfunk und Fernsehen, während der Meinungs- sowie der interpretative Journalismus das Metier der Printmedien wurde.

Daraus wiederum entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neue Formen wie der sensationsgierige Boulevardjournalismus oder der investigative Journalismus. Hier wird von den Journalisten gezielt zu einem bestimmten Thema recherchiert, um Missstände oder Skandale aufzudecken. Als prominentester investigativer Journalist in Deutschland gilt Günter Wallraff, der meist in falscher Identität verdeckt recherchierte und Missstände in den verschiedensten Branchen aufzeigte.

Ein neuer Umbruch

Für eine weitere Revolution im Journalismus sorgte in den 1990er Jahren das Internet, das den Online-Journalismus möglich machte. Das wesentliche Merkmal von Onlinejournalisten besteht darin, dass sie crossmedial arbeiten und in ihre Beiträge die Techniken aller anderen Mediengattungen integrieren. Dabei entstehen teilweise völlig neue Erzählformen und -formate.

Allerdings verschwimmen im Netz auch die Grenzen zwischen Profis und Laien, weil auch zahlreiche Blogs mit journalistischen Elementen arbeiten. Teilweise werden diese auch von professionellen Journalisten als Recherchequelle herangezogen.

Welches Selbstverständnis haben Journalisten?

Das Selbstverständnis der Journalisten in Deutschland und Europa unterscheidet sich von demjenigen im angloamerikanischen Raum. Diese vertreten die Ansicht, dass jede Nachricht, die es wert ist, gedruckt zu werden, auch gedruckt werden sollte. Das deutsche Bild, das Journalisten von ihrem Beruf haben, beschreibt die Journalistin Tissy Bruns mit den Worten: "Journalisten wollen und sollen die Welt erklären." Wie Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, in diversen Untersuchungen herausfand, sehen sich Journalisten in Deutschland in einer aktiven Rolle. Sie wollen die Entwicklungen in der Gesellschaft und im politischen Prozess aktiv beeinflussen und mitgestalten. Der Anspruch auf eine Art geistiger Führung nehme bei ihnen einen hohen Stellenwert ein.

Ein weiterer Unterschied besteht in der grundsätzlichen Organisationsform der Presselandschaft. So werden Journalisten - anders als im angelsächsischen Raum - von den Regierungen in die Politik eingebunden. Auch dies ist ein Zugeständnis an die Erfahrungen aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft: Dadurch soll die Möglichkeit, dass sich Journalisten zu Propagandazwecken instrumentalisieren lassen, von vornherein ausgeschlossen werden.

Direkt in der Kritik

Angesichts dieser Entwicklung ändert sich auch das Rollen- und Selbstverständnis des Journalisten. Bevor das Internet seine heute dominante Rolle spielte, agierte der Journalist in einer Art geschütztem Raum. Direktes Feedback auf seine Berichterstattung erhielt er ausschließlich von Institutionen und Organisationen, in deren Umfeld der Journalist arbeitete und recherchierte. Diese konnten insofern Einfluss auf die Art der Berichterstattung nehmen, als sie den recherchierenden Journalisten bereitwillig und umfangreich oder zögerlich und spärlich mit Informationen belieferten.

Eine beliebte Methode bestand etwa darin, Pressemitteilungen erst so knapp vor Redaktionsschluss zu verschicken, dass kaum noch Zeit für eine Hintergrundrecherche blieb, wollte der Journalist aktuell berichten. Weil es nun einen Redaktionsschluss durch crossmediale Arbeit und Publikationsmöglichkeiten im Internet nicht mehr gibt, sinken die Einflussmöglichkeiten von Institutionen auf die Berichterstattung. Dafür besteht nun für den Leser die Möglichkeit zum direkten Kontakt mit dem Journalisten auf verschiedenen Plattformen. Der Beruf des Journalisten dürfte also auch in Zukunft nichts an seiner Faszination verlieren.

Kein geschützter Beruf

Beim Beruf des Journalisten handelt es sich um keinen geschützten Beruf. Das heißt: Jeder, der in einem Medium veröffentlicht, darf sich Journalist nennen. Das betrifft vor allem das Heer der freien Mitarbeiter, die in ihrer Freizeit Termine für lokale Medien wahrnehmen und darüber berichten.

Jedoch merkt der Mediennutzer sehr wohl den qualitativen Unterschied zwischen "Hobbyschreibern" und ausgebildeten Journalisten. Diese haben üblicherweise ein Hochschulstudium absolviert und/oder eine Journalistenschule besucht und anschließend ein Volontariat bei einem beliebigen Medium absolviert, um sich Kenntnisse in der journalistischen Praxis anzueignen.

In diesen Bereichen können Journalisten arbeiten

Journalisten, die bei einem Medium in Festanstellung arbeiten, gelten als Redakteure. Sie können nach der Ausbildung oder während des Berufslebens auch von der Festanstellung in die Freiberuflichkeit wechseln und für mehrere Medien journalistisch arbeiten. Freelancer haben den Vorteil, dass sie nicht in die organisatorischen Strukturen einer Redaktion eingebunden sind und sich voll und ganz auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können, statt Zeit mit verwaltungstechnischen Tätigkeiten zu verlieren. Sie können sich zudem auf bestimmte Themenschwerpunkte spezialisieren, sich hier einen Expertenstatus erarbeiten und sich damit neue Auftraggeber erschließen. Als weiteres Tätigkeitsfeld bieten sich für Journalisten die Pressestellen von Verbänden und Unternehmen an. Durch die journalistische Ausbildung ist gewährleistet, dass sie die Pressemitteilungen in einer Form verfassen und abliefern, die vom jeweiligen Medium benötigt wird.

Quo Vadis, Journalismus?

Seit der Medienkrise im Jahr 2002, als die Anzeigenschaltungen massiv zurückgefahren wurden, geht die Zahl der festangestellten Mitarbeiter massiv zurück. So arbeiten die Medien und Pressestellen mittlerweile mit schlanken Redaktionen und greifen verstärkt auf die Dienste von Freelancern zurück. Zudem lässt sich feststellen, dass festangestellte Redakteure zunehmend Aufgaben in der eigentlichen Produktion des Mediums übernehmen. Hörfunk- und Fernsehjournalisten etwa schneiden ihre Beiträge selbst, während Printjournalisten auch die Gestaltung ihres Mediums übernehmen, was in der Vergangenheit von einem Grafiker gemacht wurde.

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