Kurseinheit M040 Agenturjournalismus

Kurseinheit
 
Lernziel Die Teilnehmenden sollen die Nachrichtenagenturen des Medienmarktes und deren Strukturen und den Wettbewerb kennen lernen. Sie sollen die wesentlichen Besonderheiten im Angebot und der Arbeitsweise dieser Agenturen verstehen und in der Lage sein, diese medialen und technischen Besonderheiten beim Texten zu berücksichtigen und umzusetzen.
Studienbriefautor Karsten Frerichs
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wird Teilnehmenden empfohlen, die interessiert sind, als Agenturjournalisten zu arbeiten.
 
Inhalte Die Stellung der Nachrichtenagenturen im Medienmarkt; verschiedene Formen von Newsagenturen und deren Angebot; Der Arbeitsplatz „Nachrichtenagentur".
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Agenturjournalismus

Eine besondere Facette des Journalismus stellt der Agenturjournalismus dar. Nachrichten- oder Presseagenturen sammeln Nachrichten über ihr Korrespondentennetz in aller Welt, bereiten diese auf und beliefern alle Medien, die den Dienst abonniert haben. Nachrichtenagenturen machen es also erst möglich, dass sich die Mediennutzer in Deutschland umfassend informieren können. Denn selbst Medien, die Korrespondentenbüros unterhalten, können sich kein derart dichtes Netz an Büros leisten, wie Nachrichtenagenturen.

Daraus ergibt sich für die Journalisten eine Besonderheit: Sie schreiben für keine bestimmte Zielgruppe, sondern beliefern alle Medien - auch solche mit politischem oder konfessionellem Couleur - mit demselben Material. Gefragt ist also neben absoluter Genauigkeit auch ein neutraler Stil. Darüber hinaus werden keine Kunden bevorzugt, die Meldungen gehen an alle Abonnenten der Nachrichtenagentur gleichzeitig hinaus.

Das Geschäft mit den Nachrichten

Nachrichten- und Presseagenturen verstehen sich also in erster Linie als Großhändler für Nachrichten. Weil allein im deutschsprachigen Raum etwa 20 namhafte Agenturen die Medien mit Nachrichten beliefern, hat sich die Agenturlandschaft breit gefächert aufgestellt: Neben Agenturen, die das ganze Portfolio von Nachrichten und Soft-News für alle Ressorts liefert, gibt es zahlreiche Anbieter, die sich auf ein bestimmtes Ressort spezialisiert haben, etwa Politik, Wirtschaft oder Technik.

Einen Sonderfall in der Landschaft der Nachrichtenagenturen nehmen PR-Agenturen ein. Diese erstellen und verbreiten Informationen im Auftrag und auf Rechnung von Unternehmen, sie werden also nicht von den Medien, sondern von ihren Auftraggebern bezahlt. In diesem Fall sind die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung oft fließend. Schließlich steht bei den Mitteilungen von PR-Agenturen der werbliche Charakter im Vordergrund. Andererseits liefern die PR-Leute jedoch auch Anregungen zur Berichterstattung. Einen eindeutig journalistischen Charakter haben Mitteilungen, wenn Großveranstaltungen oder Events angekündigt werden, die von den Medien und den Nachrichtenagenturen nicht berücksichtigt werden. Hier besteht ein grundsätzliches Interesse an potenziellen Besuchern, sodass eine Berichterstattung auch gerechtfertigt ist.

Seit wann gibt es Nachrichtenagenturen?

Die Geschichte der Nachrichtenagenturen ist untrennbar mit der Historie der modernen Publikumsmedien verbunden. Als älteste Nachrichtenagentur im modernen Verständnis gilt die Agence Havas, die auf Betreiben von Charles-Louis Havas 1835 aus einem Zusammenschluss von mehreren Übersetzungs- und Nachrichtenbüros in Paris entstand. Aus dieser Agentur sollte später die Agence France Press hervorgehen. 15 Jahre später begründete Paul Julius Freiherr von Reuter die Nachrichtenagentur Reuters Telegraphic Comp. Incorporated, die sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer weltweit tätigen Universalagentur entwickeln sollte. Bereits 1849 hatte Bernhard Wolff das Wolff'sche Telegrafenbüro mit Sitz in Berlin gegründet. Bis zur Gleichschaltung der Medien unter den Nationalsozialisten galt diese Agentur als führender Anbieter von Nachrichten in Deutschland.

Ermöglicht wurde diese Gründungswelle durch die Entwicklung von modernen Telegrafen in den 1830er Jahren. Erst dadurch war es möglich geworden, Nachrichten in kürzester Zeit über eine große Distanz zu übermitteln.

Die Vorläufer der modernen Nachrichtenagenturen

Die geordnete Übermittlung von Nachrichten reicht bis in die Antike zurück, wo die Nachrichten noch durch Boten oder Brieftauben übermittelt wurden. Nach dem Ende des Römischen Reiches entwickelten sich vor allem Handelsstädte wie Venedig zu überregional wichtigen Handelszentren. Die Nachrichten wurden in erster Linie von reisenden Geschäftsleuten verbreitet.

Einen moderneren Nachrichtendienst organisierte die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger im 15. und 16. Jahrhundert. Sie ließen an die Geschäftsbriefe von ihren Handelspartnern aktuelle Informationen über den jeweiligen Ort beifügen. Weil Handelsbeziehungen der Fugger weit über die Grenzen Europas hinaus reichten, besaß die Handelsfamilie jederzeit aktuelle Informationen über die weltweite politische Lage. Ein Teil der Nachrichten wurde über die sogenannte Fuggerzeitung an andere Geschäftsleute oder Adelige weitergeleitet.

Der Zweite Weltkrieg bringt einen Einschnitt

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bekamen die zuvor existierenden Nachrichtenagenturen in Deutschland zunächst keine Lizenzen. Stattdessen gründeten die Alliierten in ihren jeweiligen Besatzungszonen eigene Agenturen:

- Die Briten gründeten den German News Service, der 1947 zum Deutschen Pressedienst umgewandelt wurde.

- Die Rheinische Nachrichtenagentur wurde als Joint Venture zwischen der französischen Militärregierung und Zeitungsverlegern in Baden-Baden gegründet. Draus ging später die Süddeutsche Nachrichtenagentur hervor.

- In Bad Nauheim gründeten die US-Amerikaner die Deutsche Allgemeine Nachrichtenagentur. Dort wurden nicht nur Nachrichten geliefert, sondern auch Journalisten ausgebildet.

- Die Nachrichtenagenturen der West-Alliierten wurden 1949 zusammengelegt, womit die Deutsche Presse Agentur entstand.

- In der Sowjetischen Besatzungszone war zunächst das Sowjetische Nachrichtenbüro für die Versorgung mit Informationen zuständig. Daraus entstand das Allgemeine Deutsche Nachrichtenbüro als einzige Nachrichtenagentur der DDR. Nach der deutsch-deutschen Vereinigung wurde sie vom Deutschen Depeschendienst übernommen und liefert Nachrichten aus Innen- und Regionalpolitik.

So wird in Nachrichtenagenturen gearbeitet

Behörden, Vereine, Unternehmen, Wirtschafts- und sonstige Verbände und Parteien senden ihre Pressemitteilungen an die Nachrichtenagenturen, wo der Inhalt von der Redaktion auf ihren Informationsgehalt und ihre Relevanz hin geprüft werden. Sofern beides gegeben ist, wird die Mitteilung zu einer Nachricht oder einen längeren Bericht umgearbeitet. Dieser wird bei Bedarf um die Ergebnisse eigener Recherchen ergänzt. Ganz gleich für welche journalistische Darstellungsform sich der Journalist entscheidet, als oberster Grundsatz gilt eine neutrale und möglichst wertfreie Sprache. Als Arbeitscredo für Agenturjournalisten gilt: Genauigkeit geht vor Schnelligkeit oder Stil.

Aus diesem Grund werden Agenturmeldungen sofort korrigiert, sollte sich eine genannte Tatsache als falsch herausstellen oder eine neue Sachlage ergeben. Im Alltag kann es also durchaus vorkommen, dass ein und dieselbe Meldung mehrmals täglich korrigiert und aktualisiert wird. Ein gewisser Zeitdruck entsteht dadurch, dass Agenturjournalisten den Redaktionsschluss der Tageszeitungen vor Auge haben: Die korrigierte Meldung sollte noch in der nächsten Ausgabe untergebracht werden können.

Um einen reibungslosen Nachrichtenfluss zu gewährleisten, steht die Zentrale einer Nachrichtenagentur beständig in Kontakt mit den Außenbüros. Deren wesentliche Aufgabe besteht darin, ihre jeweilige Region sorgfältig zu beobachten, um schnell über aktuelle Ereignisse berichten zu können.

Der Aufbau von Agenturmeldungen

Im ersten Satz einer Agenturmeldung muss bereits der Kern der Information enthalten sein. Alle wichtigen Informationen werden bereits im Einstieg genannt, ergänzende Hintergrundinformationen und zusätzliche Details folgen erst später. Durch diesen Aufbau soll den Redaktionen die Arbeit erleichtert werden. Schließlich können die Agenturjournalisten nicht wissen, ob sich der verantwortliche Redakteur für eine Nachricht oder einen ausführlicheren Bericht entscheidet.

Nachrichtenagenturen in der Kritik

Weil in Nachrichtenagenturen ein permanenter Zeitdruck herrscht, werden eingehende Meldungen oft nur geringfügig verändert oder es fehlt eine ergänzende Eigenrecherche. Dies ist auch der größte Kritikpunkt, viele Kritiker sprechen hier von Verlautbarungsjournalismus. Diesem Trend versuchen die Nachrichtenagenturen gegenzusteuern, indem sie den Anteil an eigenrecherchierten Meldungen auf einem kontinuierlichen Niveau halten oder steigern.

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