Kurseinheit M010 Radiojournalismus

Kurseinheit

Lernziel Die Teilnehmenden sollen die Besonderheiten des Mediums „Radio" kennen lernen und in der Lage sein, diese medialen und technischen Besonderheiten bei der Recherche, beim Texten und beim sprachlichen Präsentieren der Inhalte zu berücksichtigen und umzusetzen.
 
Studienbriefautor Prof. Dr. Margareta Bloom-Schinnerl
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wird Teilnehmenden empfohlen, die interessiert sind, im Hörfunk zu arbeiten.
 
Inhalte Struktur des deutschen Radiomarktes und journalistische Arbeitsfelder; was ist das Spezifische am Radiojournalismus?; Sprache und Sprechen im Hörfunk; von der Idee zur Sendung; zur Zukunft des Mediums.
 
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Radiojournalismus

Rund 400 Radiosender strahlen in Deutschland ein Vollprogramm aus. Daneben gibt es außerdem zahlreiche Sender, die lediglich ein Spartenprogramm - oft lediglich zu bestimmten Zeitfenstern - auf dem Programm haben. Diese Tatsache macht den Radiojournalismus zu einer interessanten Sparte, in welche angehende Journalisten während ihrer Ausbildung zumindest einen Einblick bekommen sollten. Generell geht der Trend außerdem hin zu mehr Radiosendern, deren Programm für eine bestimmte Zielgruppe maßgeschneidert ist. Der Großteil dieser Sender strahlt kein terrestrisches Programm aus, für die eine terrestrische Lizenz benötigt wird, sondern ist ausschließlich über das Internet zu empfangen. Vor allem Journalisten mit einer Leidenschaft für Musik fühlen sich vom Radiojournalismus angesprochen. Im Kurs lernen die angehenden Journalisten die Strukturen des Rundfunks in Deutschland ebenso kennen wie die journalistischen Besonderheiten.

Die Struktur des Rundfunks in Deutschland

Rundfunksender sind in Deutschland nach einem dualen System gegliedert, dessen rechtliche Grundlage der Rundfunkstaatsvertrag, der zwischen Bund und Ländern in den Jahren 1987 und 1991 abgeschlossen wurde. Nach diesem Vertrag gliedert sich der Rundfunk in einen öffentlich-rechtlichen und einen privaten Bereich. Der große Unterschied besteht darin, dass öffentlich-rechtliche Rundfunksender von allen Hörern über die GEZ finanziert werden, während private Sender ausschließlich durch Werbung finanziert werden. Letztere benötigen für den Betrieb eine staatliche Lizenz, jedoch nicht zwangsläufig auch eine Frequenz für den terrestrischen Empfang.

Gibt es einen journalistischen Unterschied?

Öffentlich-rechtliche Sender haben laut Gesetz nicht nur einen Informations-, sondern auch einen Bildungsauftrag. Das bedeutet: Öffentlich-rechtliche Anstalten arbeiten üblicherweise mit mehr festangestellten und freien Journalisten und haben einen höheren journalistischen Anspruch an das Programm. Sie bringen also auch größere Reportagen, ausführliche Hintergrundberichte, Features und ähnliche Formate oder auch Hörspiele, die eher von einem relativ kleinen Publikum geschätzt werden. Diese Formate werden meist auf eigene Sender innerhalb der Senderfamilie ausgelagert. So unterhält etwa der Bayerische Rundfunk als eine der größten Hörfunkanstalten in Deutschland zehn eigene Programme, die sich auf Jugendliche, Pop, Information, Kultur oder Klassik spezialisiert haben.

Auch private Radiosender stellen weit mehr als Abspielstationen für Musik dar. Abgesehen von den stündlichen Nachrichtensendungen behandeln die journalistischen Beiträge eher die Interessen ihrer Hörer. Hintergründe zum politischen oder wirtschaftlichen Weltgeschehen werden nur in absoluten Ausnahmefällen präsentiert, sehr beliebt sind hingegen Interviews mit Musikern und Reportagen, wie sie häufig bei aktuellen Tourneen produziert werden.

Eine kleinteilige Struktur

Weil die Lizenzen für den Betrieb von Radiosendern von den einzelnen Bundesländern vergeben werden, ist die Hörfunk-Landschaft in Deutschland sehr kleinteilig strukturiert. Das Deutschlandradio mit seinen drei Programmen gilt als einziger Radiosender, der deutschlandweit zu empfangen ist. Dies hat sich in den vergangenen Jahren allerdings etwas gewandelt. Denn zahlreiche Sender stellen ihr Programm auch als Livestream ins Internet, sodass dies weltweit empfangen werden kann. Genutzt wird diese Option vor allem von zahlreichen Lokalradios, die sich auf eine bestimmte Musikrichtung spezialisiert haben, wie etwa die Antenne Bayern-Tochter „Rock Antenne".

Daneben gibt es deutschlandweit diverse Bürgerfunk-Kanäle sowie Ausbildungs- und Hochschulradios. Diese arbeiten jedoch meist mit Formaten ohne journalistischen Anspruch.

Was ist das Besondere am Medium Radio?

Beim Radio handelt es sich um ein klassisches "Nebenbei"-Medium, das im Hintergrund läuft, während die Hörer sich auf eine andere Tätigkeit konzentrieren. Damit unterscheidet sich das Radio deutlich von Printmedien, die der Leser meist mit voller Aufmerksamkeit nutzt. Es handelt sich außerdem, ebenso wie das Fernsehen, um ein lineares Medium. Das bedeutet, dass der Hörer beliebige Teile nicht wiederholen kann, wenn er etwas nicht richtig verstanden hat. Bei Printmedien dagegen kann er denselben Satz oder einen kompletten Absatz mehrfach hintereinander lesen, wenn ihm etwas unklar ist.

Sprachliche Besonderheiten im Medium Radio

Diese Tatsache hat auch Auswirkungen auf die Sprache, also auf das Verfassen und anschließende Sprechen der Beiträge. Radiojournalisten müssen mit der Gewohnheit brechen, Texte für einen Leser zu verfassen. Der Verfasser sollte also auch dann, wenn er komplexe Sachverhalte schildert, grundsätzlich eine einfache, bildhafte Sprache verwenden. Lange Sätze sind ebenso verpönt wie komplizierte Satzkonstruktionen. Denn besteht ein Satz aus mehr als dem Haupt- und einem Gliedsatz, ist der Hörer schlicht überfordert und bekommt wichtige Sachverhalte möglicherweise nicht mit. Der Verfasser sollte den Text während des Korrekturlesens deshalb auch zur Probe sprechen. Dadurch erfährt er, ob sich der Text gut sprechen lässt und kann ihn eventuell dahingehend noch überarbeiten.

Für den Sprecher gilt: Er braucht eine angenehme Stimme, und muss klar und verständlich sprechen können, damit er auch verstanden wird und sein Beitrag nicht gekünstelt wirkt. Für einen Journalisten, der in den Radiojournalismus einsteigen möchte, kann es sich also empfehlen, wenn er bei Bedarf einen Rhetorikkurs besucht, in dem er seinen rhetorischen Stil zu verbessern lernt.

Die wichtigsten Darstellungsformen

Die geläufigsten journalistischen Formate im Radiojournalismus stellen Nachrichten, Umfragen, Reportagen und Interviews dar. Wichtig ist für den Radiojournalisten vor allem, dass er möglichst viele O-Töne in einen Beitrag einbaut, um diesen abwechslungsreicher zu gestalten. Bei den O-Tönen kommen sowohl Hörer als auch Fachstellen oder sonstige befragte zu Wort.

Grundsätzlich enthalten alle Beiträge die Elemente eines Interviews. Ist der Journalist etwa für eine Reportage vor Ort unterwegs, lässt er gerne die betroffenen Personen sprechen und erklären. Auch das trägt zur Authentizität eines Beitrages bei. Allerdings ist diese Vorgehensweise für den Journalisten mit einem etwas größeren Aufwand verbunden. Denn meist muss er die Aufnahme ein- oder zweimal wiederholen, um anschließend im Studio damit arbeiten zu können. Denn störende Hintergrundgeräusche, etwa ein vorbeifahrender Zug, ein startendes Flugzeug oder das Hupen eines Autos, worauf der Journalist keinen Einfluss hat, können wichtige Teile der Aufnahme zerstören, sodass der Beitrag unbrauchbar wird. Deshalb wird üblicherweise auch nicht live gesendet. Lediglich Interviews, die in der abgeschotteten Atmosphäre des Studios stattfinden, lassen sich problemlos live schalten. Das bietet den Vorteil, dass außerdem die Hörer eingebunden werden können, etwa im Rahmen einer telefonischen Umfrage oder durch die Möglichkeit, dass sie dem Interviewpartner weitere Fragen stellen.

Das Feature: einzigartig im Radio

Beim Feature handelt es sich um eine Darstellungsform, die es in dieser Form ausschließlich im Radiojournalismus gibt. Es handelt sich dabei um einen umfangreichen Beitrag, in dem Fakten mit Fiktion gemischt werden, wobei im Gegensatz zum Hörspiel die Fakten überwiegen. Wie wird sich der Verkehr in einer Großstadt ausgehend von der Gegenwart innerhalb der nächsten Jahrzehnte entwickeln? wäre etwa ein klassisches Feature-Thema, wobei das Für und Wider einer Prognose ausführlich dargestellt wird.

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