Kurseinheit F140 Wissenschaftsjournalismus

Kurseinheit

Lernziel Die Teilnehmenden sollen das Berufsbild des Wissenschaftsjournalisten kennen lernen und einen Einblick in das das Berichterstattungsfeld „Wissenschaft" und seine Besonderheiten erhalten.
 
Studienbriefautor Prof. Holger Wormer
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wird Teilnehmenden empfohlen, die interessiert sind, über Wissenschaftsthemen zu berichten.
 
Inhalte Wissenschaftsjournalismus – Definitionen und Typologien; Auswahlprozesse in den Medien: Wissenschaft als Medienthema; Recherche; die Vermittlung wissenschaftsjournalistischer Inhalte; die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus.
 
Notengewichtung
 
einfach
 
Leseprobe Download

[Zurück zum Lehrgangsaufbau]

Wissenschaftsjournalismus

Der Wissenschaftsjournalismus konzentriert sich voll und ganz auf die Berichterstattung aktueller Erkenntnisse aus der Wissenschaft, aber auch wissenschaftlicher Diskussionen und Trends. Die wesentliche Aufgabe des Wissenschaftsjournalisten besteht also darin, Erkenntnisse von Wissenschaftlern einem breiten Publikum zu erklären, sowie deren Bedeutung und mögliche Auswirkungen auf den Alltag zu erläutern.

Der Fokus liegt auf den Naturwissenschaften

Allerdings beschränkt sich der Wissenschaftsjournalismus schwerpunktmäßig auf Technik und Naturwissenschaften. Gelegentlich finden auch Sozial- und Geschichtswissenschaften im Wissenschaftsjournalismus Eingang, wohingegen die Geisteswissenschaften üblicherweise eher im Feuilleton behandelt werden.

Ein junges Ressort

Obwohl der Wissenschaftsjournalismus an sich auf eine sehr lange Tradition zurückblicken kann, hat sich dieser Fachjournalismus in den Publikumsmedien als eigenständiges Ressort erst relativ spät entwickelt. Zwar wurde in den Zeitungen der Weimarer Republik bereits regelmäßig über die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen aus der Forschung berichtet. Allerdings sahen sich diese frühen Wissenschaftsjournalisten vor allem als Übersetzer der wissenschaftlichen Fachsprache in verständliches Deutsch.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich deshalb ein großer Markt an Fachzeitschriften und populärwissenschaftlichen Magazinen, welche Themen aus dem Wissenschaftsjournalismus aufgriffen. Bis in die 1980er Jahre spielte der Wissenschaftsjournalismus in Publikumsmedien eher eine Nebenrolle.

Der Wissenschaftsjournalist im Wandel

Im Zuge der stärkeren Akzeptanz bei den Mediennutzern hat sich auch das Rollenverständnis der Wissenschaftsjournalisten gewandelt. Sie schildern die Ergebnisse und Entwicklungen nicht nur, sondern hinterfragen, kommentieren und bewerten diese auch, vor allem in Hinblick auf den Umgang der Gesellschaft mit neuen Technologien.

Während das Angebot an Berichterstattung aus der Welt der Wissenschaft vor allem ab den 1990er Jahren weiter anwuchs, formulierte der US-amerikanische Literaturagent John Brockman in seinem Buch "Die Dritte Kultur" die gleichnamige These. Demnach erreichten Technik und Naturwissenschaft eine kulturelle Bedeutung und würden damit die Rolle der Philosophie aus früheren Zeiten einnehmen. Der überwiegende Teil der Berichterstattung erfolgt in den Publikumsmedien weitgehend auf Spartenseiten oder -sendungen.

Voraussetzungen für den Beruf

Für angehende Journalisten, die sich auf den Wissenschaftsjournalismus spezialisieren wollen, ist ein naturwissenschaftliches Studium fast zwingend notwendig. Sie können sich zwar in den seltensten Fällen - etwa als Medizinjournalisten - auf den Bereich spezialisieren, den sie studiert haben. Jedoch ist ihnen dadurch die naturwissenschaftliche Denkweise nicht fremd, sodass sie sich auch relativ schnell in eine neue Thematik einarbeiten können.

Die Typen des Wissenschaftsjournalismus

Grundsätzlich lässt sich der Wissenschaftsjournalismus in drei Typen einteilen, die sich weitestgehend durch den Anlass für den Bericht ergeben. Für diese unterschiedlichen Typen werden meist auch verschiedene Darstellungsformen verwendet.

Der klassische Wissenschaftsjournalismus widmet sich vor allem den aktuellen Tendenzen und Erkenntnissen. Hier werden vor allem Fakten in Nachrichtenform präsentiert. Ein Grund dafür liegt auch darin, dass es häufig noch keine konkreten Anwendungen gibt.

Zur allgemeinaktuellen Perspektive greift der Wissenschaftsjournalist, wenn er wissenschaftliche Erkenntnisse als Hintergrund für ein anderes Thema liefert. Bei der Reaktorkatastrophe von Fukushima beispielsweise kamen auch Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen zu Wort, die darstellten, mit welchen langfristigen Folgen durch das Unglück zu rechnen ist. Sie konnten dabei auf die Erfahrungen und Erkenntnisse zurückgreifen, die beim Unglück von Tschernobyl gesammelt wurden und werden.

Die zeitlose Publikumsperspektive, die auch als Wissensjournalismus bezeichnet wird, behandelt Themenfelder, die zumindest bis zu einem gewissen Grad bekannt sind und beleuchtet diese in einem größeren Zusammenhang. Ein Beispiel hierfür sind etwa die Schwerpunktthemen in zahlreichen Fachmagazinen. Diese geben einen umfassenden Überblick über das jeweilige Thema, der um aktuelle Nachrichten und Informationen ergänzt wird.

Welche Themen sind gefragt?

Nicht jede wissenschaftliche Disziplin wird im Wissenschaftsjournalismus gleichermaßen berücksichtigt. In der Gunst der Mediennutzer liegen vor allem Disziplinen an der Spitze, von welchen sie einen konkreten Nutzen haben oder Wissenschaften, die sie besonders faszinieren. So nimmt etwa die Medizin nahezu ein Drittel des Umfangs der Berichterstattung im Wissenschaftsjournalismus ein. Zusammen mit der nahe verwandten Biologie wird fast die Hälfte des Umfangs abgedeckt. Auf den weiteren Rängen folgen Technik, Astronomie, Raumfahrt und Umwelt als beliebteste Themengebiete. Einen relativ großen Stellenwert nimmt aber auch die Forschungspolitik ein, die ja den finanziellen und gesetzlichen Rahmen für Forschung und Entwicklung absteckt.

In den Redaktionen werden Themen aus der Wissenschaft bevorzugt nach dem Kriterium ausgewählt, was die Mediennutzer verlangen. Aber auch das Tagesgeschehen spielt hinein, wie sich am Beispiel der Ebola-Epidemie zeigte: Kurz nach dem Ausbruch rückten Medizinthemen rund um die Seuche verstärkt auch in den Fokus der europäischen Medien.

Die Recherche: ein Sonderfall?

Der wichtigste Schritt für die Berichterstattung ist wie in jedem journalistischen Ressort die Recherche. Sofern es sich nicht direkt um sein Spezialgebiet handelt, muss der Wissenschaftsjournalist sehr viel an Hintergrundinformationen einholen, um mit seinen Gesprächspartnern wenigstens halbwegs auf Augenhöhe reden zu können. Eine Gegenrecherche ist allerdings nur mit Einschränkungen möglich, vor allem bei aktuellen Berichten. Der Grund: Nur wenige Forschungseinrichtungen beschäftigen sich zur gleichen Zeit mit einem Thema. Allerdings kann der Wissenschaftler bis zu einem gewissen Grad auf die Seriosität seiner Gesprächspartner vertrauen. Schließlich ist die Reputation das wichtigste Kapital eines Wissenschaftlers, das er mit falschen Informationen an die Medien riskieren würde.

Wie werden die Informationen vermittelt?

Der Wissenschaftsjournalist ist insbesondere gefordert, das Thema richtig zu präsentieren, weil der Großteil der Mediennutzer mit diesem Metier wenig bis gar nicht vertraut ist. Die gängigste Methode, um dem Mediennutzer einen Zugang zum Thema zu ermöglichen, besteht darin, eine Geschichte zu erzählen. Idealerweise wird dafür ein konkretes Beispiel herangezogen, das als Aufhänger für die Geschichte gilt.

Zu den üblichen Stilmitteln gehört es auch, einen Alltagsbezug herzustellen. Dies ist natürlich in erster Linie davon abhängig, aus welcher naturwissenschaftlichen Disziplin die Berichterstattung erfolgt. Aus den Bereichen Technik oder Medizin ist das sehr viel einfacher, als etwa aus der Physik oder der Chemie.

Ein besonderes Augenmerk muss der Wissenschaftsjournalist darauf legen, eine möglichst verständliche Sprache zu wählen. Sofern es sich nicht vermeiden lässt, dass in der Berichterstattung Fachbegriffe fallen, sollten diese in jedem Fall erklärt werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Mediennutzer aus dem Bericht aussteigt. Deshalb sollten die einzelnen Aspekte auch möglichst ausführlich dargestellt werden. Handelt es sich hingegen um ein sehr komplexes Thema, ist es oft ratsam, dies nicht in einem großen, umfangreichen Bericht darzustellen, sondern in eine Serie zu zerlegen. Das bietet außerdem den Vorteil, dass der Wissenschaftsjournalist möglicherweise in einen Dialog mit Mediennutzern - etwa in Form von Leserbriefen - treten kann und somit Anregungen für künftige Berichte erhält.

[Zurück zum Lehrgangsaufbau]