Kurseinheit F130 Wirtschaftsjournalismus

Kurseinheit

Lernziel Die Teilnehmenden sollen das Berufsbild des Wirtschaftsjournalisten kennen lernen und einen Einblick in das das Berichterstattungsfeld „Wirtschaft" und seine Besonderheiten erhalten.
 
Studienbriefautor Dipl.-Betriebsw. Ulrich Viehöver
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wird Teilnehmenden empfohlen, die interessiert sind, über Wirtschaftsthemen zu berichten.
 
Inhalte Volkswirtschaft: die Leistung einer Nation; Betriebswirtschaft: Unternehmen, Märkte, Branchen; Praktische Tipps zur Unternehmens-Recherche; Ethik und Sprache: Stiefkinder im Alltag.
 
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Wirtschaftsjournalismus

Um fundiert berichten zu können, braucht der angehende Wirtschaftsjournalist zwei grundlegende Fähigkeiten: Er braucht ein fundiertes Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge und sollte sich in erster Linie als Dienstleister am Mediennutzer verstehen. Schließlich gilt das Wirtschaftsressort in nahezu allen Mediengattungen als schwierig zu verstehen und wird deshalb nur von einem Teil der Mediennutzer konsumiert. Der Grund liegt neben dem oft trockenen Stoff und der schwierigen Materie auch in einer gewöhnungsbedürftigen Sprache, die sich häufig stark an Statistiken orientiert.

Eine wesentliche Aufgabe des Wirtschaftsjournalisten besteht also darin, Wirtschaftsthemen attraktiv darzustellen, dass der Mediennutzer auch gerne nutzt. Als wichtigster Aspekt gilt in diesem Zusammenhang die Verständlichkeit. Das heißt, der Mediennutzer muss das Thema lesen, hören oder sehen können, ohne dass er zum Verständnis irgendwo nachschlagen oder ein Lexikon zu Rate ziehen muss.

Das erforderliche Hintergrundwissen

Weil auch ein wirtschaftswissenschaftliches Studium nur einen kleinen Teilbereich des späteren Aufgabenbereichs eines Wirtschaftsjournalisten abdeckt, muss der angehende Journalist bereit sein, das Wissen kontinuierlich zu erweitern, auch wenn die Thematik jenseits seines Interessengebietes liegt. Denn im journalistischen Alltag wird er sowohl mit Volks- als auch mit betriebswirtschaftlichen Themen konfrontiert, die er natürlich auch gleichermaßen kompetent bearbeiten können sollte.

Volkswirtschaftliche Themen im Wirtschaftsjournalismus

Die Volkswirtschaft lässt sich grob als gesamtwirtschaftliche Leistung einer Nation beschreiben, wobei der Wirtschaftsjournalist durchaus über die Landesgrenzen blicken sollte. Nachdem etwa zunehmend politische, als auch wirtschaftspolitische Entscheidungen in Brüssel getroffen werden, kann etwa der Euro-Raum als Wirtschaftsraum betrachtet werden, in dem unterschiedliche Volkswirtschaften mit ihren landestypischen Unterschieden vereinigt sind.

Bei Themenfeldern, die Volkswirtschaften betreffen, muss der Wirtschaftsjournalist in der Lage sein, Statistiken wie etwa Preisindizes zu lesen und kritisch zu hinterfragen. Darüber hinaus ist bei diesen Themenfeldern auch der Blick über die Grenzen des eigenen Ressorts hinaus gefragt. Schließlich werden wirtschaftliche Entwicklungen zunehmend von äußeren Faktoren, etwa von politischen Entscheidungen, bestimmt. Und auch Ratingagenturen spielen eine zunehmend größere Rolle für die Wirtschaftliche Entwicklung. Stufen diese ein Land in ihren Ratings ab, hat dies direkte Auswirkungen auf den Zinssatz für öffentliche Kredite und Staatsanleihen, was die Wirtschaft des Landes beflügeln oder abwürgen kann.

Zunehmende Bedeutung dürften in diesem Zusammenhang auch gesellschaftliche Tendenzen für das Wirtschaftsressort erlangen. Dazu gehören die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen, aber auch die aktuellen Trends der Wirtschaftssysteme. So gewinnt der sogenannte Monetarismus vor dem Hintergrund der jüngsten Weltwirtschaftskrise an Bedeutung. Nach der Philosophie dieser Wirtschaftstheorie lassen sich die Wirtschaftsabläufe durch das Regulieren der im Umlauf befindlichen Geldmenge beeinflussen. Diese Trends kann der Wirtschaftsjournalist auch in Form von meinungsbetonten Darstellungsformen bearbeiten und dem Mediennutzer näher bringen.

Betriebswirtschaft im Wirtschaftsjournalismus

Der Wirtschaftsjournalist benötigt darüber hinaus profunde betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Zu den regelmäßigen Pflichtterminen zählt etwa die jährliche Bilanzpressekonferenz von Großkonzernen. Die Aufgabe des Wirtschaftsjournalisten besteht in diesem Fall darin, eine Vielzahl von Informationen so zu reduzieren, dass er das Unternehmen und seine Entwicklung verständlich darstellen kann. Aus zahlreichen Unterlagen und Mitteilungen aus den Presseabteilungen der Firmen muss er die wichtigen Fragen gewissermaßen herausschälen und sie anschließend auch beantworten können.

Unerlässlich ist es deshalb für einen Wirtschaftsjournalisten auch, Bilanzen lesen und richtig interpretieren zu können. Um die Position eines Unternehmens auf dem Markt richtig einschätzen zu können, muss er natürlich auch die Branche und den jeweiligen Markt kennen. Beispielsweise schätzte die internationale Wirtschaftspresse die Lage des Computerherstellers Apple noch bis zur Markteinführung des ersten iPhones komplett falsch ein. Dem Computerhersteller, der im eigentlichen Kerngeschäft keine große Zukunft mehr hatte, war es gelungen, ein trendiges und innovatives Lifestyle-Produkt zu etablieren, welches dem Unternehmen einen neuen Höhenflug auf den Aktienmärkten beschert hatte.

Welche Quellen können Wirtschaftsjournalisten nutzen?

Auf welche Quellen der Wirtschaftsjournalist zurückgreifen kann, ist abhängig vom Thema. Häufig liefern die Unternehmen oder Branchenverbände die Informationen, die als Basis für die weitere Recherche dienen können. Zu den beliebten Recherchequellen zählen neben dem Wirtschaftsministerium und dem Statistischen Bundesamt auch Gewerkschaften und Verbraucherschutzorganisationen. Letztere werden etwa dann gefragt, wenn Themen kritisch beleuchtet werden sollen. So gerieten in der Vergangenheit die Hersteller von Kleidung, Unterhaltungselektronik und Modelabels wiederholt wegen der Produktionsbedingungen für ihre Mitarbeiter, die oft in Fertigungsstätten der Dritten Welt arbeiten, in die Kritik.

Recherche mit Plan

Der Wirtschaftsjournalist ist deshalb gut beraten, wenn er seine Recherche mit System angeht und sich einen Rechercheplan anlegt. Ob er letztlich einen guten Bericht abliefern kann, hängt unter anderem davon ab, zu welchem Zeitpunkt der Recherche er an welche Quellen und Informanten herantritt. Will er etwa einen kritischen Bericht über Produktionsbedingungen verfassen, sollte er zunächst mit den Arbeitnehmern oder Arbeitnehmervertretern sprechen und anschließend das Unternehmen dazu Stellung nehmen lassen.

Inszenierung oder Information?

Weil Unternehmen sich stets im besten Licht darstellen wollen, ist in jedem Fall ein kritischer Blick auf die Informationen angebracht. Ansonsten läuft er Gefahr, von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens vereinnahmt zu werden und ungewollt zum verlängerten Sprachrohr des Unternehmens zu werden.

Auch vor dem Hintergrund der globalen Konkurrenz präsentieren mittlerweile die meisten Unternehmen nicht mehr nur nüchtern ihre Informationen, sondern machen daraus eine regelrechte mediale Zelebration nach dem Vorbild des mittlerweile verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs, der darin als wahrer Meister galt. Mit einem hervorragenden Marketingkonzept, öffentlichkeitswirksamen Events und geschickten Sponsoring-Aktivitäten, die eine ausgiebige Berichterstattung in den Medien nach sich zogen, ist es auch Dietrich Mateschitz gelungen, in nur wenigen Jahren zum Weltmarktführer in diesem Segment aufzusteigen.

Das Wichtigste: Die Sprache

Eine besondere Sorgfalt müssen Wirtschaftsjournalisten auf die Sprache im Allgemeinen und auf das Verfassen der eigenen Beiträge im Besonderen legen. Denn während Politiker etwa darin geschult sind, eine möglichst einfache Sprache zu verwenden, um möglichst viele potenzielle Wähler anzusprechen, flüchten sich Wirtschaftsvertreter gern in komplizierte Fachsprache. Diese gilt es dann eben so zu übersetzen, dass der Mediennutzer sie verstehen kann.

Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass der Wirtschaftsjournalist in seinen Beiträgen Aussagen von Unternehmern übernimmt, etwa wenn er Statements zur Einschätzung der aktuellen Lage bringen möchte. Diese Aussagen sollte er allerdings kritisch betrachten, um möglicherweise einen suggestiven Manipulationsversuch zu erkennen und diesen im Beitrag zu entschärfen. Die Gefahr, dass versucht wird, einen Wirtschaftsjournalisten zum Sprachrohr einer Firma oder einer Branche zu machen ist dort besonders groß, wo die betreffenden Firmen auch wichtige Anzeigenkunden des Mediums sind. Vor allem für Lokal- und Regionalmedien kann der Wirtschaftsjournalismus deshalb einen Balanceakt der besonderen Art bedeuten.

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