Kurseinheit A110 Redigieren

Kurseinheit
Lernziel Die Teilnehmenden sollen in der Lage sein, fremde Textmanuskripte in Bezug auf Inhalt, Struktur/Dramaturgie und Sprache zu beurteilen und zu redigieren sowie textliche Veränderungen mit den Autoren konstruktiv abzustimmen.
 
Studienbriefautor Christian Bleher
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wird Teilnehmenden empfohlen, die fremde Texte redigieren möchten.
 
Inhalte Redigieren – was ist das überhaupt?; das Medienquadrat; Inhalt; Darstellungsform und Dramaturgie; Sprache und Stil; Grammatik und Orthographie; Aufgabe des Redigierenden; Der Vorgang des Redigierens; vom Umgang mit den Autoren.
 
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Redigieren

Gemeinhin versteht man unter dem Begriff „redigieren" das Korrektorat oder Lektorat eines journalistischen Textes. Redigieren bedeutet im journalistischen Alltag aber sehr viel mehr. So wird der Text nicht nur in Bezug auf den formalen Aufbau, also Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik, überprüft, sondern auch auf die inhaltliche Richtigkeit sowie Sprache und Stilistik. In einer relativ weit gefassten Definition umfasst das Redigieren alle Arbeitsschritte, die zur Erstellung eines Beitrags erforderlich sind, von der Planung bis hin zum Einpassen ins Layoutsystem. Ein guter und ausführlicher Korrekturprozess gilt als große Domäne der klassischen Medien, die das Redigieren als wichtige Säule für ihre Glaubwürdigkeit und Seriosität sehen.

Bei Online-Medien hingegen wird häufig auf einen ausführlichen Korrekturprozess aus Gründen der Aktualität verzichtet. Hier werden die Beiträge nach Bedarf um diverse weitere Aspekte ergänzt.

Den Mediennutzer im Auge haben

Der redigierende Journalist bildet im sogenannten Medienquadrat gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Autor, Thema, Medium und Form. Der redigierende Journalist hat im Gegensatz zum Autor die notwendige kritische Distanz, um zu bewerten, ob die richtige journalistische Darstellungsform gewählt wurde und ob ein Beitrag zielgruppengerecht für das jeweilige Medium verfasst ist. Die Korrekturschleife erfolgt meist ohne Zutun des eigentlichen Autors. Allerdings steht dieser meist als Ansprechpartner zur Verfügung, falls größere Änderungen am Text notwendig sind. Denn grundsätzlich behält der Autor seine Urheberrechte und muss mit den Änderungen einverstanden sein. Das gilt insbesondere, wenn ein Beitrag von einem Freelancer zugeliefert wurde.

Enthält der Text alle wichtigen Informationen?

Beim Fact-Checking, das ebenfalls ein wichtiger Teil des Redigierens ist, werden vor allem die so genannten "harten Fakten" überprüft. Dabei handelt es sich um überprüfbare Daten wie Jahreszahlen, Daten und Ähnliches. Auch ob sich der Kollege an die journalistische Sorgfaltspflicht gehalten und neben seiner Recherche auch eine ausreichende Gegenrecherche durchgeführt hat, wird im Zuge des Redigierens überprüft. Dem Korrektor fällt möglicherweise noch ein Aspekt oder ein Ansprechpartner ein, der das Thema insgesamt runder erscheinen lässt.

Die rechtlichen Aspekte

Notwendig ist das gründliche Redigieren auch im Hinblick auf mögliche juristische Folgen. Beispielsweise wird überprüft, ob der Autor Tatsachenbehauptungen oder Werturteile aufgestellt hat, die eigentlich in einem Widerspruch zu seiner Rolle als Journalist stehen. Dies ist vor allem bei Textarten wichtig, die einen rein informierenden Charakter haben. Gerade bei diesen Textsorten werden während des Redigierens auch - so weit möglich - Zitate und Bilder überprüft und im Zweifelsfall die Aussage des Textes insgesamt klarer herausgearbeitet.

Ist die richtige Darstellungsform gewählt?

Ein besonderes Augenmerk legt der redigierende Journalist außerdem darauf, ob die für jede Textart charakteristische Dramaturgie eingehalten wurde, die sich vor allem zwischen informierenden und narrativen Texten erheblich unterscheidet. Während es bei einer Nachricht etwa einen Kardinalsfehler darstellt, die wichtigsten Informationen nicht zu Beginn des Textes zu bringen, können diese bei einer Reportage auch in einem Infokasten dem Text beigestellt werden.

Meinungsäußernde Texte und Interviews

Bei meinungsäußernden Textsorten kann das Redigieren einen heiklen Akt darstellen. Hier legt der Korrektor vor allem ein Augenmerk darauf, ob der Autor sich bei der Wertung und der Einordnung eines Sachverhaltes nicht vergaloppiert hat. Werden meinungsäußernde Texte von Gastautoren verfasst, wie es etwa bei großen Tageszeitungen üblich ist, sollte das Redigieren in Abstimmung mit dem Autoren geschehen.

Ähnliches gilt bei Interviews. Vor allem bei Printmedien ist es üblich, dass das Interview vom Interviewten freigegeben wird, bevor es in Druck gehen kann. Während des Redigierens können einzelne Aussagen gestrafft oder ganze Fragen inklusive Antwort komplett gestrichen werden. Das Redigieren sollte jedoch vor dem Gegenlesen erfolgen, weil ansonsten möglicherweise noch eine weitere Korrekturschleife notwendig wird.

Ist das korrekte Sprachniveau gewählt?

Im Hinblick auf Sprache und Stil achtet der redigierende Journalist in erster Linie darauf, ob der Beitrag in einem für die Zielgruppe angemessenen Stil verfasst ist. Schließlich muss jeder Text vom Mediennutzer - idealerweise auf Anhieb - verstanden werden. Das gilt insbesondere für alle Medien, bei welchen der Mediennutzer nicht das geschriebene Wort vor sich liegen hat. Deshalb stellt das Redigieren eines Textes für ein Fachmedium auch andere Ansprüche als das Redigieren eines Beitrages für ein Publikumsmedium.

Zu den stilistischen Kriterien gehört auch die Frage, ob der Autor eine einheitliche Erzählperspektive gewählt hat und ob die Sprache ausreichend bildhaft gewählt wurde. Eine bildhafte Erzählweise mit Metaphern ist vor allem bei narrativen Texten gefragt, weil sich der Mediennutzer auch hier etwas unter dem Gegenstand der Berichterstattung vorstellen können soll.

Warum eine Rechtschreibprüfung?

Die Überprüfung der Rechtschreibung erscheint auf den ersten Blick eigentlich überflüssig, weil jedes moderne Textverarbeitungsprogramm und Redaktionssystem über eine integrierte Rechtschreibprüfung verfügt. Hier ist jedoch die Gefahr relativ groß, dass vor allem Grammatikfehler übersehen werden, und auch bei der eigentlichen Rechtschreibung haben viele Rechtschreibprogramme ihre Schwächen. Ein weiterer Grund: Das menschliche Auge stolpert leichter über Flüchtigkeitsfehler, die dem Schreiber vor allem dann passieren können, wenn der Autor über brandaktuelle Ereignisse schreibt, die zwingend in der nächsten Ausgabe erscheinen sollen.

Wie geht der redigierende Journalist vor?

Zu den wesentlichen Aufgaben des redigierenden Journalisten gehört auch das Kürzen oder Verlängern eines Textes. Dies geschieht allerdings meist nicht während der eigentlichen Korrekturschleife, sondern erst zum Zeitpunkt der Bearbeitung in der Schlussredaktion. Denn hier entscheidet sich erst, wie viel Platz einem bestimmten Thema zugestanden werden kann.

Dieser Aspekt spielt für Online-Medien mit einem nur durch den Speicherplatz der Seite begrenzten Platz für redaktionelle Beiträge keine Rolle. Radio und Fernsehen haben hingegen dank ihrer standardisierten Formate für Sendungen eine bestimmte Planungssicherheit, jedoch können auch hier jederzeit aktuelle Ereignisse den eigentlichen Sendeplan zur Makulatur machen. Eines dieser Ereignisse stellte beispielsweise 9/11 dar, auf welches die Medien auch in Europa schnellstmöglich reagierten. Bei Printmedien hingegen entscheidet vor allem das Anzeigenvolumen darüber, wie viel Platz einem Ressort und einem Beitrag eingeräumt werden kann.

Der Journalist und die Autoren

Weil der redigierende Journalist meist eng in den Produktionsprozess eingebunden ist, sitzt er auch in der Redaktion an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Redaktion, Freelancern und anderen Autoren. Er muss deshalb über ein gewisses Kommunikationstalent verfügen. Denn je besser die Autoren gebrieft sind, umso niedriger ist anschließend der Aufwand, der mit dem Redigieren verbunden ist. Vor allem bei Terminen, deren Thematik schon im Vorfeld bekannt ist, lässt sich schon vorab abschätzen, in welcher Form und wie umfangreich das Thema bearbeitet werden sollte.

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