Kurseinheit A090 Nutzwertige Textsorten

Kurseinheit
 
Lernziel Die Teilnehmenden sollen in der Lage sein, die Besonderheiten nutzwertiger Textsorten zu erläutern und beim Verfassen eigener Texte anzuwenden.
 
Studienbriefautor Prof. Dr. Christoph Fasel
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wendet sich an Teilnehmende, die hauptsächlich nutzwertorientiert recherchieren und schreiben möchten.
 
Inhalte Warum Nutzwertjournalismus immer wichtiger wird; Kennzeichen nutzwertiger Sachtexte; wie man Textsorten nutzwertig macht; welches Wissen ein Nutzwertautor mitbringen muss; die sachgerechte Recherche für Nutzwertjournalismus; Berichtender und Betroffener – die besondere Kommunikationssituation im Nutzwertjournalismus; Mitteilung oder Manipulation? Warum Journalisten beim Nutzwerttext umdenken müssen; Themenfindung für nutzwertige Texte; Themen für Nutzwerttexte: Es gibt nichts Neues unter der Sonne; Aufbau und Dramaturgie des Nutzwerttextes; denn sie wollen verstanden werden: Die Sprache des Nutzwertjournalismus.
 
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Nutzwertige Textsorten

Wie der Boom an Kochshows und anderen Ratgebersendungen im Fernsehen gezeigt hat, gewinnen nutzwertige Darstellungsformen im Journalismus zunehmend an Bedeutung. Bei Nutzwertigen Textsorten handelt es sich um Texte, die dem Mediennutzer neben einem Mehrwert hinaus die Lösung bei einem ganz konkreten Problem bieten.

Mehr als nur Ratgeber

Texte mit Nutzwert sind jedoch sehr viel mehr als reine Ratgebertexte, die auf verschiedene Zielgruppen zugeschnitten sind. Denn nutzwertige Texte lassen sich in nahezu jedem Ressort unterbringen. In der Politik kann etwa im Rahmen der Berichterstattung über aktuelle Wahlen das Wahlsystem in einem kurzen Infokasten erläutert werden, während im Reiseressort nicht nur ein Land vorgestellt wird, sondern auch erläutert wird, was bei der Einreise zu beachten ist. Nutzwertige Texte - auch wenn sie nach journalistischen Kriterien verfasst sind - verstehen sich also in erster Linie als Service für den Mediennutzer. Für die Medien sind nutzwertige Texte insofern wichtig, als ein guter Serviceteil ein wichtiges Kriterium sein kann, warum der Nutzer ausgerechnet zu diesem Medium greift.

Nutzwertjournalismus im Wandel der Zeit

Die meisten Mediennutzer assoziieren mit Nutzwertjournalismus in erster Linie die Ratgeber, Frageseiten oder Hotlines, durch welche konkrete Fragen der Mediennutzer von Experten auf diesem Gebiet beantwortet werden. Doch dieser Bereich des Journalismus ist sehr viel älter und hat seine Wurzeln im Zeitalter der Aufklärung. In dieser Zeit brachen alte Strukturen weg, die ganze Gesellschaft befand sich im Wandel. Findige Herausgeber brachten deshalb in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sogenannte "Moralische Wochenschriften" heraus, in welchen die Leser zahlreiche praktische Ratschläge für den Alltag bekamen.

Der gesellschaftliche Wandel führte im Laufe der Jahrzehnte zu neuen Formen von nutzwertigen Texten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen wahren Boom erlebten. In den ersten Nachkriegsjahren waren Schnittmuster für Kleider ein wichtiger Teil von Frauenzeitschriften. In den 1960er Jahren etablierte sich im Zuge der sexuellen Revolution das Dr. Sommer-Team der Jugendzeitschrift "Bravo" als bekanntester Ratgeber.

Zwischenzeitlich hatten sich außerdem zahlreiche Special-Interest-Medien etabliert, die weitere nutzwertige Texte etablierten. Bastelanleitungen sind beispielsweise ein beliebtes Extra bei Medien, die sich an Eltern mit Kleinkindern oder Kinder im Grundschulalter wenden. Und selbst Politik und Wirtschaft sind immer wieder das Thema von nutzwertigen Textsorten. So publizieren etwa zahlreiche Zeitschriften nach der politischen Wende und der deutsch-deutschen Vereinigung Sonderbeilagen, um ihren Lesern das geänderte Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nahezubringen.

Die Kennzeichen eines nutzwertigen Textes

Die wichtigste Eigenschaft eines nutzwertigen Textes liegt darin, dass er dem Mediennutzer einen Nutzen bringt, den dieser direkt praktisch und unmittelbar umsetzen kann. Für den Journalisten, der einen entsprechenden Text verfasst, ist es wichtig, dass er eine sehr einfache und allgemein verständliche Sprache wählt.

Die Themenfindung

Nutzwertige Texte gehen über die klassischen journalistischen Themenfelder hinaus. Sie sprechen Themen an, die nicht im öffentlichen, sondern im privaten Bereich angesiedelt sind, wie Gesundheit, Hobby, Ehe, Familie und Ähnliches. Die Themen für einen nutzwertigen Text werden im Hinblick darauf ausgewählt, ob sie einen wirklichen Nutzen für eine möglichst große Zahl an Mediennutzern bringen. Darüber hinaus orientieren sich nutzwertige Texte stark an saisonalen Ereignissen oder Feiertagen. Während im Frühling etwa gerne Tipps für Haus und Garten veröffentlicht werden, sind im Sommer eher Tipps für den eigenen Pool im Garten gefragt. Vor Weihnachten und Ostern finden Kinder zahlreiche Anregungen für das Basteln von Weihnachtsschmuck oder dem eigenen Osternest, während sich Hobbyköche vor besonderen Feiertagen kulinarische Anregungen für das besondere Festtagsmenü holen können.

An die Recherche sollte der Journalist etwas anders herangehen, als an andere Beiträge. Für Ratgeber in Garten, Haus und Küche empfiehlt es sich, wenn er die Tipps, die er dem Mediennutzer geben möchte, zunächst selbst einmal ausprobiert. Dann erkennt er, wo mögliche Stolpersteine sind und findet möglicherweise noch Fragen, die durch seine bisherigen Informationen nicht erklärt sind.

Umdenken ist angesagt

Zwar sollte der Journalist grundsätzlich in erster Linie für den Mediennutzer schreiben. Die Themenwahl wird jedoch in allen Ressorts von äußeren Faktoren bestimmt, die der Journalist nicht beeinflussen kann - er kann eben nur über das berichten, was gerade passiert. Je nachdem, in welchem Fachbereich der Journalist arbeitet, muss er außerdem sein persönliches Umfeld sowie das Weltgeschehen im Auge behalten. Nutzwertige Texte aus dem Gesundheitsbereich sind etwa dann gefragt, wenn irgendwo auf der Welt eine Epidemie ausbricht, wie das Beispiel Ebola in Afrika aus jüngerer Vergangenheit zeigt. Wer sich hingegen auf Handwerkliches spezialisiert hat, kann Anregungen für die nächsten Themen schon im nächsten Baumarkt finden. Aber auch das direkte Feedback von Mediennutzern in Form von Anrufen, Leserbriefen oder E-Mails an die Redaktion kann Aufschluss darüber geben, welche Themen aus dem praktischen Bereich die Mediennutzer bewegen.

Als Werkzeuge zur Themenfindung stehen dem Journalisten der Küchenzuruf, die verschiedenen Textsorten, die mit Nutzwert eingesetzt werden können, sowie die journalistischen Kategorien. Aus diesen kann der Journalist auf Themensuche gedanklich eine dreidimensionale Matrix konstruieren, die ihm zeigt, wie er ein Thema variieren kann.

Der Aufbau eines nutzwertigen Textes

Bevor der Journalist mit dem Schreiben beginnt, sollte er sich voll und ganz auf die Küchenzurufe, also die Kernthemen, die der Text behandeln soll, konzentrieren. Der anschließende Aufbau sollte sich durch eine sorgfältige Abwägung der Fakten und eine klare Argumentationslinie, die in eine konkrete Handlungsanweisung mündet, auszeichnen. Hervorragend bewährt hat sich ein direkter, szenischer Einstieg. In diesem wird das konkrete Problem mit einfachen Worten geschildert. Eine gute und genaue Beschreibung, die idealerweise mit Beispielen untermalt wird, ist aus einem Grund wichtig: Nur dann kann der Mediennutzer - der vielleicht mit diesem Problem noch nicht konfrontiert war - die Problematik nachvollziehen und den Lösungsvorschlägen des Autoren auch wirklich folgen. Die detaillierte Schilderung ist umso wichtiger, je abstrakter das Problem ist.

Der Check zum Schluss

Abschließend sollte der Journalist den Nutzwerttext daraufhin abchecken, ob er wirklich komplett ist - oder einen Kollegen darum bitten, ihn gegenzulesen. Zu den wichtigen Kriterien gehört neben der klaren Kernaussage auch die Frage, ob der Text in der optimalen journalistischen Textsorte abgefasst ist. Das Gegenlesen durch einen Kollegen ist insofern die bessere Alternative, als dieser besser einschätzen kann, ob das Problem gut beschrieben ist und die Darstellung für ihn ausreicht, damit er das Problem selbst lösen kann. Ein wichtiges Kriterium für einen gelungenen Nutzwerttext besteht außerdem darin, ob im Text ausreichend Hintergrundinformationen enthalten sind, damit der Text für den Mediennutzer tatsächlich einen konkreten Mehrwert bietet.

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