Kurseinheit A080 Meinungsbetonte Textsorten

Kurseinheit
 
Lernziel Die Teilnehmenden sollen in der Lage sein, die Besonderheiten und Unterschiede der meinungsbetonten Textsorten – Kommentar, Glosse, Feuilleton, Kritik und Betrachtung – zu erläutern und beim Verfassen eigener Texte anzuwenden.
 
Studienbriefautor Prof. Dr. Christoph Fasel
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wendet sich an Teilnehmende, die hauptsächlich meinungsbetont recherchieren und schreiben möchten.
 
Inhalte Was bedeutet Meinung im Journalismus?; der Kommentar: Formen und Aufbau; der Kommentar mit Pfiff: die Glosse; das Feuilleton; die Kritik; die Betrachtung.
 
Notengewichtung
 
einfach
 
Leseprobe Download

[Zurück zum Lehrgangsaufbau]

Meinungsbetonte Textsorten

Generell ist es die Aufgabe des Journalisten, möglichst unabhängig zu berichten und widersprüchliche Meinungen zu einem Thema wertfrei zu präsentieren. Der Mediennutzer sollte mit den notwendigen Informationen versorgt werden, damit er sich ein eigenes Bild machen kann. Dennoch kann kein Medium auf die sogenannten meinungsbildenden Textsorten, die jedoch innerhalb der jeweiligen Ressorts als solche kenntlich gemacht werden, verzichten. Die meinungsbetonten Textsorten lassen sich aufteilen in Kommentar, Glosse, Betrachtung sowie Feuilleton und Kritik.

Das Kennzeichen meinungsbetonter Textsorten

Die meinungsbetonten Textsorten haben sich aus dem sogenannten Meinungsjournalismus entwickelt, der die Medienlandschaft etwa bis zum Ersten Weltkrieg dominiert hat. Hier bezieht der Journalist explizit eine klare Stellung und versucht den Leser mit Argumenten von seiner Meinung zu überzeugen. Ihren Platz haben meinungsbetonte Textsorten in den klassischen Medien nicht verloren, jedoch erleben sie seit dem Aufkommen der Online-Medien eine Renaissance.

Der Kommentar

Die häufigste meinungsbetonte Textsorte ist der Kommentar. Darin nimmt der - namentlich genannte - Verfasser ausdrücklich Stellung zu einer aktuellen Nachricht. Sofern es sich um keine Sonderformen wie Leitartikel oder Lokalspitze handelt, wird der Kommentar im Umfeld des eigentlichen Themas platziert, um dem Mediennutzer ein differenzierteres Bild geben zu können. Bei wichtigen Themen werden bei Printmedien häufig sogar mehrere Kommentare, in welchen unterschiedliche Standpunkte vertreten werden, abgedruckt. Außerhalb des Feuilletons oder des Sportteils, wo sportliche Ereignisse kommentiert werden können, sind bei Zeitschriften das Glossar zu Beginn und bei Tageszeitungen der Leitartikel die bekanntesten Erscheinungsformen des Kommentars. Während sich die meisten Kommentare auf ein Ereignis beziehen, werden im Leitartikel auch gerne große politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Themen diskutiert. Das wesentliche Kennzeichen eines guten Kommentars besteht darin, dass der Journalist die Hintergründe analysiert und diese Analyse nutzt, um seine Meinung mit Argumenten belegen zu können und den Mediennutzer dazu anregen, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Formen des Kommentars

Die Form eines Kommentars richtet sich nicht nur nach dem Ressort, in dem er erscheint. So unterscheidet Walther von La Roche den Kommentar in einen "Geradeaus-Kommentar" und einen "Entweder-Oder-Kommentar". Während der Journalist in einem Geradeaus-Kommentar eine einzelne These ausführlich erarbeitet, stellt er den Mediennutzer beim Entweder-Oder-Kommentar vor eine Wahl. Wird ein Thema überspitzt und polemisch bearbeitet, spricht man von einem Pamphlet. Bei dieser Form des Kommentars wird hingenommen, dass eine Person herabgewürdigt wird, weshalb die Form eines Pamphlets eher selten und meist nur bei besonders dramatischen Ereignissen gewählt wird. Beispielsweise wurde nach den jüngsten Wirtschaftskrisen das Verhalten von Bankern und Börsenbrokern, die sich in den 1980er Jahren als "Masters of the Universe" betrachteten, in bösen Kommentaren kritisiert.

Ein Kommentar kann aber auch den Standpunkt eines Mediums verdeutlichen. Dies wird im journalistischen Alltag allerdings nur bei sehr großen Themen wie bei der Diskussion um die Ansiedlung einer Wiederaufbereitungsanlage gemacht - oder wenn sich ein Medium explizit an eine Zielgruppe mit einer bestimmten politischen Einstellung richtet.

Die Glosse - ein pfiffiger Kommentar

Die Glosse - eine besondere Form des Kommentars - gilt als Textsorte, die auch für einen erfahrenen Journalisten am schwierigsten zu schreiben ist. Es handelt sich um einen Meinungsbeitrag, der mit satirischen und polemischen Mitteln auf eine Pointe hinführt, die den Schlusspunkt des Textes darstellt. In der Glosse wird nur ein einziger Aspekt des Geschehens überspitzt dargestellt. Oft sucht der Verfasser einer Glosse geradezu den komischen Aspekt in einer Tragödie. Je nach Thematik driften die Verfasser der Glosse von einer Tatsache ausgehend schnell ins Irreale oder ins Surreale ab. Will der Autor beispielsweise einen Bankraub in Form der Glosse kommentieren, kann er als Einstieg den beschwerlichen Arbeitstag eines Bankräubers schildern, bevor er den Mediennutzer an die eigentliche Pointe heranführt. Als herausragendes Beispiel für eine gelungene Glosse gilt die Rubrik "Streiflicht", die täglich in der Süddeutschen Zeitung erscheint.

Das Feuilleton: Ressort und Textsorte

Eigentlich versteht man unter dem Begriff Feuilleton den Kulturteil eines Mediums. Die klassischen Themen des Feuilletons sind neben dem kulturellen Leben auch aktuelle Ausstellungen, Theater-, Kino- und Buchkritiken, aber auch Portraits von Künstlern. Darüber hinaus wird auch eine Textsorte, die in feuilletonistischem Stil geschrieben ist, als Feuilleton bezeichnet. Als feuilletonistischen Stil wird eine humorvolle, literarische oder im Plauderton gehaltene Art des Schreibens bezeichnet. Der Text soll außerdem mit Witz und Scharfsinn, geistreich und pointiert formuliert sein.

Die Kritik als Ratgeber

Abgesehen vom Sportteil, in dem die Kommentatoren ein Ereignis kritisch betrachten, ist die Kritik ein Kernelement des Feuilletons. Der Verfasser besucht einen Kinofilm oder ein Theaterstück oder liest eine aktuelle Neuerscheinung und bespricht sie anschließend in seinem Medium. Zwar haben nur wenige Kritiker einen derart überragenden Einfluss wie der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, jedoch können gute oder schlechte Kritiken sehr wohl über kommerziellen Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Weil der Kritiker sehr wohl weiß, dass er eine Verantwortung trägt, arbeitet er die Kritik ausschließlich nach journalistischen Kriterien aus. Er legt offen, warum er etwas positiv oder negativ bewertet und untermauert seine Meinung mit sachlichen Argumenten. Üblicherweise spezialisieren sich Journalisten auf die Art der Kritik, in der sie auch ein fundiertes Hintergrundwissen besitzen, um gute Kritiken verfassen zu können. Während es für einen Literatur-, Film- oder Theaterkritiker durchaus ausreichend sein kann, dass er eine Leidenschaft für das Metier mitbringt, ist es für einen Gastro- oder Architekturkritiker zwingend notwendig, dass er auch genügend Fachwissen mitbringt.

Die Betrachtung: ein Hauch von Philosophie

In Philosophie und Kunst wird mit dem Begriff "Betrachtung" die ästhetische Beurteilung bezeichnet. Im Feuilleton wird also von einer Betrachtung gesprochen, wenn ein Kunstwerk rein nach ästhetischen Gesichtspunkten besprochen wird und die handwerkliche Technik des Künstlers nicht in die Bewertung mit einfließt. Seltener erscheint die Betrachtung in anderen Ressorts. Hierbei geht es dann nicht um die Bewertung eines aktuellen Ereignisses, sondern um einen größeren Zusammenhang. Nach den jüngsten Wirtschaftskrisen wurde etwa von zahlreichen Medien das System des Kapitalismus an sich im Rahmen von Betrachtungen untersucht. Wird im Politikteil in Form einer Betrachtung kommentiert, steht oft der politische Stil einer Führungsperson im Vordergrund. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl etwa hatte lange das Image des gemütlichen Pfälzers, der die Probleme so lange aussitzt, bis sie sich von selbst erledigt haben. Erst das Management der deutsch-deutschen Vereinigung ließ ihn in den Augen der Kommentatoren zu einem großen Kanzler werden.

[Zurück zum Lehrgangsaufbau]