Kurseinheit A070 Erzählende Textsorten

Kurseinheit
 
Lernziel Die Teilnehmenden sollen in der Lage sein, die Besonderheiten und Unterschiede der erzählenden Textsorten – Interview, Portrait und Reportage – zu erläutern und beim Verfassen eigener Texte anzuwenden.
 
Studienbriefautor Prof. Dr. Christoph Fasel
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief wendet sich an Teilnehmende, die hauptsächlich erzählorientiert recherchieren und schreiben möchten.
 
Inhalte Was bedeutet Erzählen im Journalismus?; das Interview; das Portrait; die Reportage.
 
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Erzählende Textsorten

Neben den tatsachenbetonten Textsorten, bei welchen es in erster Linie um die Präsentation von Fakten und Informationen geht, werden seit jeher auch erzählende Textsorten verwendet. Dabei handelt es sich um die drei Genres Interview, Portrait und Reportage, welche als journalistische Königsdisziplinen gelten. Der Grund: Der Journalist muss wesentlich mehr können, als Informationen so in einen Beitrag zu verpacken, dass er den Mediennutzer anspricht. Bei den erzählenden Textsorten wird der Journalist selbst zum Akteur und muss Handlungen, Stimmungen und Eindrücke in einen ansprechenden Spannungsbogen bringen, in welchen er die notwendigen Fakten einstreut. Zugleich muss er aber auch die notwendige Distanz zum Subjekt oder Objekt der Berichterstattung wahren, um die notwendige Neutralität zu bewahren. Dabei hat jede erzählende Textsorte außerdem ihre besonderen Charakteristika, die der Journalist kennen und können muss.

Das Interview

Beim Interview handelt es sich um eine journalistische Textsorte, bei der Frage und Antwort, aber auch Rede und Gegenrede in wörtlicher Rede gegenüber gestellt werden. Beim Interview wird üblicherweise eine Person der Zeitgeschichte befragt. Dabei kann es sich um einen Politiker handeln oder eine andere Person des öffentlichen Lebens wie ein Schauspieler, ein Sportler oder ein Künstler befragt werden. Der Journalismuslehrer Walther von La Roche unterscheidet Interviews folgendermaßen:

- Interviews zur Person

- Interviews zur Sache

- Interviews zur Meinung

Für alle Interviews gilt: Der Journalist muss sich im Vorfeld die Frage stellen, ob das Thema überhaupt dazu geeignet ist, in Form eines Interviews bearbeitet zu werden. Grundsätzlich muss der Journalist außerdem im Vorfeld abklären, ob im Umfeld des Interviews zu viel erklärt werden muss, weil dem Mediennutzer das Hintergrundwissen fehlt. Bei umfangreichen Themen wird das Interview deshalb auch gerne verwendet, um das jeweilige Thema von einer zusätzlichen Facette her beleuchten zu können.

Gute Vorbereitung als Schlüssel zum Erfolg

Im journalistischen Alltag wird das Interview sowohl als ergänzender Beitrag zu einem bestimmten Thema als auch als eigenständiger Beitrag verwendet. Letzteres ist etwa der Fall, wenn eine bekannte Persönlichkeit ein besonderes Jubiläum feiert. Unabhängig davon, in welchem Ressort oder in welchem Umfeld das Interview erscheint, muss der Journalist im Vorfeld gründlich recherchieren. Schließlich muss er nicht nur die Fragen vorab formulieren, sondern gegebenenfalls nachhaken können.

Die richtige Nachbearbeitung

Üblicherweise macht sich der Journalist während des Interviews Notizen und lässt ein Band oder eine Videokamera mitlaufen. Handelt es sich um ein gedrucktes Interview, transkribiert der Journalist den Inhalt des Bandes und strafft in diesem Schritt auch gleich den Inhalt. Sofern es sich um keinen Live-Mitschnitt für eine Radio- oder Fernsehsendung handelt, wird das Interview dem Interviewten üblicherweise zum Gegenlesen vorgelegt.

Das Portrait

Beim Portrait handelt es sich um einen Text, bei dem eine Person im Fokus der Berichterstattung steht. Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine Person des öffentlichen Lebens wie einen Politiker, einen Künstler oder einen Sportler. Üblicherweise wird ein Portrait im Umfeld eines besonderen Anlasses gemacht, etwa bei einem runden Geburtstag, einem Jubiläum oder ähnlichen Anlässen. Eine Sonderrolle nehmen Nachrufe ein, die nach dem Tod bekannter Persönlichkeiten veröffentlicht werden. Auch für das Portrait gilt: Der Journalist sollte sich im Vorfeld umfassend informieren, bevor er sich mit der jeweiligen Persönlichkeit persönlich trifft.

Fehler vermeiden beim Portrait

Journalisten, die ein Portrait verfassen wollen, sollten unvoreingenommen an die Person herangehen und sich nicht daran orientieren, was Kollegen bereits geschrieben haben. Beispielsweise wurde der Hamburger Richter und Politiker Ronald Schill oft als verkappter Rechtsradikaler dargestellt. Der Provokateur war jedoch alles andere als das, Verwandte von ihm waren sogar wegen Widerstands gegen das Nazi-Regime hingerichtet worden. Deshalb sollte sich der Journalist im Vorfeld gründlich über die Person informieren.

Im Grunde handelt es sich bei einem Portrait um eine sehr spezielle Form der Reportage, nämlich um eine Reportage, die lediglich von einer Person, ihrem Privatleben und ihrem Wirken handelt. Bei einem guten Portrait begleitet der Mediennutzer den Porträtierten ein Stück weit durch sein Leben. Es können und sollen also durchaus Informationen darüber einfließen, wie die Person von ihrem Umfeld eingeschätzt wird. Das Portrait darf also durchaus kommentierend oder wertend sein. Diese Seitenblicke von außen sind insofern wichtig, als sich jeder Porträtierte beim Interview im bestmöglichen Licht darstellen will und Prominente, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, darin geübt sind, Glaubwürdigkeit zu vermitteln.

Die Reportage

Charakteristisch für die Reportage ist, dass der Journalist aus dem persönlichen Augenschein berichtet. Seine Empfindungen und Emotionen sollten ebenso in die Reportage hinein fließen wie die Fakten, welche für den Mediennutzer wichtig und interessant sind. Der große Unterschied zu den tatsachenbetonten Textsorten liegt darin, dass der Journalist bei der Recherche sehr nahe am Geschehen und nicht auf Distanz bedacht ist. Er darf die Fakten nicht nur mit den eigenen Eindrücken bereichern, sondern soll dies sogar machen. Bei einer Reportage erzählt der Journalist also eher eine Geschichte, als dass er einen journalistischen Beitrag verfasst.

Gute Vorbereitung ist das A & O

Eine gute Reportage zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie unter einem bestimmten Blickwinkel erzählt wird und sich auf eine These konzentriert. Das bedeutet für den Journalisten, dass er sich schon im Vorfeld der eigentlichen Recherche gründlich über das Thema informieren muss. Bei dieser sogenannten Vorrecherche hat er sich in die Thematik eingelesen und mit ersten Informanten gesprochen, sodass er sich im nächsten Schritt einen geeigneten Ort für die Reportage suchen kann.

Abseits von Enthüllungsreportagen, bei welchen der Journalist Undercover arbeitet, sollte er Kontakt mit der Einrichtung oder der Stelle, an welcher er die Reportage machen will, kontaktieren. Vor Ort kann ihm dann ein Gesprächspartner bereitgestellt werden, der ihn während der Dauer der Recherche begleitet. Bei einigen Themen ist dies auch zwingend notwendig. Will der Journalist beispielsweise über die Situation in einem Pflegeheim aufmerksam machen, berührt er unter Umständen die Persönlichkeitsrechte der Menschen, die hier gepflegt werden. Diese Gefahr kann durch die Begleitung durch einen Mitarbeiter der Einrichtung aus dem Weg geräumt werden.

Obwohl sich der Reporter vor der Recherche schon ein detailliertes Bild gemacht hat, muss er auch bereit sein, sich dieses Bild im Verlauf der Recherche widerlegen zu lassen. Der Grund: Die Recherche im Archiv oder im Internet kann zwar wichtige Hintergründe und Informationen liefern, sie ersetzt jedoch nicht den persönlichen Eindruck vor Ort.

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