Kurseinheit A030 Interviewen

Kurseinheit
 
Lernziel Die Teilnehmenden sollen in der Lage sein, die Eignung von journalistischen Interviews fallspezifisch zu beurteilen; journalistische Interviews vorzubereiten, zu führen, zu transkribieren und autorisieren zu lassen.
 
Studienbriefautor Christian Thiele
 
Belegungsempfehlung Dieser Kurs wendet sich an Teilnehmende, die journalistische Interviews als Recherchemethode (insofern baut dieser Studienbrief auf A010 Journalistisches Recherchieren auf und vertieft diesen) einsetzen und als Textgenre (insofern baut dieser Studienbrief auf A070 Erzählende Textsorten auf und vertieft diesen) veröffentlichen möchten.
 
Inhalte Gefragte und Frage über das Fragen; Warum und wann führen und drucken wir Interviews – und warum und wann besser nicht?; Wie bereite ich ein Interview vor?; Wie führe ich ein Interview?; Wie führe ich ein Interview unter erschwerten Bedingungen?; Vom Gesagten zum Geschriebenen: Wie wird aus dem Gespräch ein Text? Vom Geschriebenen zum Gedruckten: Wie bekomme ich ein Interview autorisiert?; Die Goldenen Regeln für gelungene Interviews – eine Checkliste.
 
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Interviewen

Obwohl das Interview in fast allen Mediengattungen als journalistische Stilform erscheint, gilt es als eine relativ schwierige Form der journalistischen Arbeit. Schließlich sitzt der Fragesteller dem Befragten direkt gegenüber und soll diesem gute Antworten entlocken, die im Idealfall neue Aspekte für das jeweilige Thema liefern. Ergibt sich hierbei ein neuer Aspekt, muss der Interviewer außerdem improvisieren und kann sich nicht mehr auf die vorbereiteten Fragen stützen. Dieses Gegenübersitzen gilt als Idealform, weil es beiden Gesprächspartnern die Gelegenheit gibt, einzuhaken und nachzufragen. Möglich sind aber auch Interviews, bei welchen der Befragte die Fragen in schriftlicher Form, etwa als E-Mail erhält und diese schriftlich beantwortet. Journalisten müssen außerdem beachten, dass der Interviewpartner ein Interview noch einmal durchlesen können und freigeben sollte, bevor es veröffentlicht wird.

Wann und warum werden Interviews geführt?

Ob und mit wem ein Interview geführt wird, hängt maßgeblich davon ab, in welchem Ressort ein Journalist arbeitet. In den meisten Fällen geht es darum, eine Person des öffentlichen Lebens von einer privaten Seite her zu zeigen, diese eine persönliche Bilanz ziehen zu lassen oder einen Experten zu einem bestimmten Sachverhalt zu befragen. Häufig wird das Interview im Feuilleton gebracht, wenn ein Künstler eine neue Ausstellung hat oder ein Schriftsteller ein neues Werk veröffentlicht hat. Im Politikressort hingegen sind Interviews vor allem im Vorfeld von Wahlen gefragt, wo die Spitzenkandidaten der Parteien zu unterschiedlichen Fragen Stellung nehmen können. In der Berichterstattung wird das Interview ressortübergreifend als Stilform außerdem gewählt, wenn ein Thema umfangreich beleuchtet werden soll. Natürlich ist die Frage, wann ein Interview gebracht wird, auch vom Medium abhängig. Während Fernsehen und Radio etwa vom Interview gewissermaßen leben, stellt dies im Printbereich lediglich eine Ergänzung zu anderen Stilformen dar.

Ein Interview wird deshalb üblicherweise dann gebracht, wenn sich der Journalist dadurch eine neue Facette für sein Thema verspricht. Andernfalls sollte er besser auf ein Interview verzichten und die Antworten auf seine Fragen in den Hauptbericht einbauen oder eine eigenständige Rubrik damit befüllen.

Vorbereitung als Schlüssel zum Erfolg

Unvorbereitet in ein Interview zu gehen ist für den Journalisten eine denkbar schlechte Idee. Diese hängt allerdings wiederum davon ab, zu welchem Thema es geführt wird. Geht es darum, beispielsweise einen Künstler von seiner privaten Seite zu zeigen, sollte der Journalist zumindest die Biographie und die wichtigsten Werke des Künstlers kennen. Dieser Grundsatz gilt auch, wenn es sich beim Gesprächspartner um einen Politiker handelt. Sofern das Interview dazu dienen soll, einen bestimmten Sachverhalt näher zu beleuchten, muss der Journalist hingegen in erster Linie Ahnung von der Materie haben, um auch mit einem ausgewiesenen Experten halbwegs auf Augenhöhe sprechen zu können.

Allein oder im Team?

Sofern das Interview in Form eines persönlichen Gesprächs geführt wird, hat es sich bewährt, dass der Journalist zusammen mit einem Kollegen im Team auftritt. Das bietet folgenden Vorteil: Während sich ein Kollege auf das Gespräch konzentriert, kann der andere ein Auge auf die Technik werfen, also etwa Fotos machen oder die Videokamera bedienen. Darüber hinaus hören vier Ohren auch mehr als zwei, sodass bei guter Vorbereitung auch der Kollege des Gesprächsführers einhaken kann, wenn eine Nachfrage notwendig erscheint.

Die Interviewführung: eine Königsdisziplin

Üblicherweise läuft ein Interview innerhalb eines bestimmten Rahmens ab, der mit dem Interviewpartner im Vorfeld vereinbart wurde. Dies gebietet auch die Fairness, weil sich der Interviewpartner - gerade wenn es um heikle Themen geht - die Möglichkeit haben soll, sich auf das Interview vorzubereiten, um fundierte Antworten geben zu können. Genau dafür sollte der Interviewer aber auch eine gute Portion Mut mitbringen und sich auch nicht einschüchtern lassen - gerade wenn es um Fragen geht, die dem Interviewten sichtlich unangenehm sind.

Welche Fragetechnik ist gefragt?

Welche Fragetechnik der Journalist im konkreten Fall vom Gesprächspartner ab. So gibt es Menschen, die viel reden, ohne etwas zu sagen, ebenso wie Schweiger oder Menschen, die vom eigentlichen Thema ablenken wollen. In der Regel lässt sich mit jedem dieser Problemfälle umgehen, wenn der Journalist die richtige Fragetechnik anwendet. Das nötige Fingerspitzengefühl, welche Technik aktuell angebracht ist, lässt sich im Laufe der Zeit mit etwas Erfahrung erwerben.

Das Interview: eine Herausforderung?

Als schwierig gilt das Interview nicht zuletzt deshalb, weil der Journalist in allen Phasen des Gesprächs die Gesprächsführung inne behalten muss. So endet das Interview erst dann, wenn die Fragen des Journalisten zufriedenstellend beantwortet wurden.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von schwierigen Interviewsituationen. Ein Gesprächspartner, der sich nicht voll auf das Interview konzentriert, sondern ständig abgelenkt wird, ist dabei nur die harmloseste Situation. Schwieriger wird es, wenn mehrere Journalisten zur gleichen Zeit denselben oder ein Journalist mehrere Gesprächspartner interviewt. In ersterem Fall geht es oft nicht um tiefschürfende Hintergründe, sondern um einen sogenannten O-Ton, wie er in Radio, Fernsehen und Streams gern verwendet wird. Der Journalist will dann meist nur ein wörtliches Zitat von einer in den Sachverhalt involvierten Person. Sollen mehrere Gesprächspartner gleichzeitig interviewt werden, wird häufig die Form des Roundtable-Gesprächs genutzt. Hier erfüllt der Journalist eher die Rolle eines Moderators, weil seine wichtigste Aufgabe darin besteht, dafür zu sorgen, dass das Gespräch nicht aus dem Ruder läuft.

Wenn der Gesprächspartner weit weg ist

Ein Interview per Mail gilt als eher unüblich, gehört aber ebenfalls zum journalistischen Alltag. Dies wird geführt, wenn der Gesprächspartner nicht persönlich zu erreichen ist oder wenn sich im Zuge der Berichterstattung juristische Schwierigkeiten anbahnen könnten. Etwa, wenn ein Bauunternehmer befragt wird, der mutmaßlich in einen Korruptionsskandal verwickelt ist. Diese Form, bei der ein Nachhaken allerdings schwierig ist, dient als Absicherung für beide Seiten.

So kommt das Interview ins Medium

Das Interview anschließend in eine für den Mediennutzer sinnvolle Form zu bringen, stellt oft die größere Herausforderung dar, vor allem wenn der Gesprächspartner zu ausschweifenden Erklärungen neigt. Der Journalist sollte deshalb nicht nur ein Band mitlaufen lassen, sondern außerdem zumindest stichpunktartige Notizen während des Interviews machen. Dadurch hat er bereits eine gewisse Struktur, wenn es dann darum geht, das Gesagte in druckreife Worte zu fassen. Die Abschrift eines Bandes sollte der Journalist besser selbst übernehmen, statt seine Sekretärin oder einen Schreibservice damit zu beauftragen - er kann dann die Sprache etwas glätten und die Antworten straffen. Im letzten Schritt muss der Journalist die Freigabe beim Gesprächspartner einholen. Er bekommt das Interview üblicherweise zum Gegenlesen und kann noch kleine Details abändern, wenn eine Antwort dadurch präziser wird.

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