Kurseinheit A010 Journalistisches Recherchieren

Kurseinheit
 
Lernziel Die Teilnehmenden sollen in der Lage sein, innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen (insbesondere Sorgfaltspflicht, Persönlichkeitsrechte und besondere Auskunftsrechte) journalistische Recherchen durchzuführen.
 
Studienbriefautor Ele Schöfthaler
 
Belegungsempfehlung Dieser Studienbrief ist obligatorisch zu belegen. (Pflichteinheit)
 
Inhalte Grundregeln und Pflichten bei der Recherche; Rechte der Recherchepartner; eigene Rechte und Möglichkeiten; Fragetechniken; von der Pressemitteilung zur selbst recherchierten Geschichte; Themen nebenbei entdecken; die besondere Recherche: Recherche für die Reportage; Recherchen verkaufen.
 
Notengewichtung
 
doppelt
 
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Journalistisches Recherchieren

Neben dem Verfassen von Beiträgen ist das Recherchieren die wichtigste Aufgabe eines Journalisten. Unter dem Begriff Recherche versteht man die unabhängige und eigenständige Informationsbeschaffung abseits der offiziellen Statements in Pressemitteilungen oder Pressekonferenzen.

Zunächst geht es bei der journalistischen Recherche darum, möglichst breit gefächerte und vielfältige Informationen zu sammeln. Schließlich ist eine ausgewogene Berichterstattung nur dann möglich, wenn ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden kann. Der Journalist nutzt für seine Recherche üblicherweise eine Vielzahl von Quellen wie Archive, Datenbanken und in zunehmendem Maß auch das Internet. Doch auch trotz modernster Möglichkeiten sind persönliche Gespräche mit Betroffenen, Fachleuten, Augenzeugen und Pressesprechern verschiedener Ämter und Behörden unerlässlich für eine fundierte und tiefgreifende Recherche.

Spielregeln für die journalistische Recherche

Grundsätzlich ist der Journalist auch bei der Recherche an die journalistisch-ethischen Grundsätze gebunden, die durch den Deutschen Presserat 1973 festgelegt wurden. Als wichtigste Grundregel gilt die journalistische Sorgfaltspflicht, an die der Journalist insbesondere bei der Recherche gebunden ist. Diese beginnt bei der Überprüfung der Quellen und endet erst bei der Gegenrecherche, mit welcher die genannten Fakten untermauert oder zur Diskussion gestellt werden.

Der Journalist muss in diesem Zusammenhang ein besonderes Auge auch darauf werfen, wie bedeutsam eine Quelle ist und wie plausibel die Informationen sind, die von dieser Quelle stammen. Recherchiert ein Journalist zu einem Finanzthema, etwa dem Verkauf und die Rückabwicklung der Hypo Alpe Adria, wird den Worten eines leitenden Angestellten mehr Gewicht beigemessen als den Informationen eines einfachen Angestellten. Der Grund: Der leitende Angestellte hat einen besseren Einblick in Strukturen und Interna der Bank. Ist es hingegen notwendig, in einem Beitrag statistische Zahlen zu nennen, greift der Journalist in der Regel zu den Daten des statistischen Bundesamtes zurück, weil diese nach objektiven, nachprüfbaren Methoden erhoben werden.

Die Prüfung der Quelle ist insofern wichtig, weil Informanten möglicherweise ein Interesse daran haben, den Journalisten auf eine falsche Fährte zu führen. Im Alltag lässt sich durch die richtige Fragetechnik gut einschätzen, wie seriös die jeweilige Quelle einzuschätzen ist. Trotz aller Sorgfalt kann es aber selbst journalistischen Legenden wie Hans Leyendecker, der in den 1980er Jahren zahlreiche politische Skandale aufdeckte, passieren, dass sich die Informationen der Quelle im Nachhinein als falsch herausstellen.

Recherche mit Plan

Spätestens sobald der Journalist die ersten Informationen gesammelt hat, sollte er daran gehen, eine eigene Hypothese zu entwickeln. Dabei überlegt sich der Journalist, in welche grobe Richtung der Beitrag gehen könnte. Auch wenn das Ergebnis meist anders aussieht als anfangs gedacht, hilft die Hypothese dabei, einen Rechercheplan zu entwerfen. Ein entscheidender Punkt für den Rechercheplan besteht darin, wann der Journalist mit welchem Informanten spricht. Der Plan ist umso wichtiger, je brisanter das Thema ist. In den meisten Fällen entscheidet sich der Journalist dafür, die Gegenrecherche - also die Überprüfung der Fakten - im letzten Arbeitsschritt zu machen.

Wie weit dürfen Journalisten gehen?

Auch wenn Journalisten vom Gesetzgeber weitgehende Rechte eingeräumt wurden, müssen sie dennoch darauf achten, die Rechte ihrer Recherchepartner nicht zu verletzen. Dies könnte unter Umständen teure juristische Folgen für das Medium und den Journalisten haben. Insbesondere betrifft das die Rechte am eigenen Wort und am eigenen Bild. Sofern der Journalist nicht investigativ arbeitet, ist es daher zwingend notwendig, dass er sich als recherchierender Journalist zu erkennen gibt. Insbesondere muss der Journalist in diesem Zusammenhang das Hausrecht, sowie Privat- und Intimsphäre seiner Recherchepartner beachten und akzeptieren.

Der Journalist kann außerdem vom sogenannten Informantenschutz Gebrauch machen. In diesem Fall muss er seine Quellen nicht offenlegen und vor Gericht vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. In der Praxis kommt der Informantenschutz meist zum Tragen, wenn Journalisten durch Insider Tipps bekommen, die zur Aufdeckung eines Skandals führen.

Die Rechte des Journalisten

Um ungehindert arbeiten zu können, werden dem recherchierenden Journalisten eine Vielzahl von Rechten eingeräumt. So sind etwa Behörden gegenüber Journalisten grundsätzlich auskunftspflichtig. Schriftliche Aufzeichnungen dürfen Journalisten zudem beliebig lange sammeln und nutzen, weshalb diese oft haarscharf an den strengen Richtlinien des Datenschutzes vorbei schrammen. Handelt es sich um Beiträge, die Geheimhaltung oder schwebende Verfahren betreffen, sollte sich der Journalist im Zweifelsfall mit der Redaktionsleitung abstimmen und gegebenenfalls Rat bei der Rechtsabteilung des Mediums über die weitere Vorgehensweise einholen. Das eindringlichste Beispiel dafür, welche Wogen Beiträge zu sensiblen Themen schlagen können, war die sogenannte Spiegel-Affäre, in welcher sich Mitarbeiter des Magazins Vorwürfen ausgesetzt sahen, Landesverrat begangen zu haben.

Richtig gefragt ist halb gewonnen

Bei den meisten Quellen und Informanten, auf die der Journalist zurückgreift, handelt es sich um Menschen, die er wenig oder kaum kennt. Weil die Zeit für ein intensives Kennenlernen fehlt, nutzt der Journalist meist diverse Fragetechniken, um eine entspannte Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Ist ausreichend Zeit vorhanden, lässt der Journalist seinen Gesprächspartner gern erzählen und hakt im Detail nach, um an die gewünschten Informationen zu kommen. Zu den beliebten Fragetechniken gehört auch die sogenannte Columbo-Taktik, nach welcher der Journalist erst gegen Ende des Gespräches auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen kommt.

Während der Befragung kann der Journalist außerdem die Seriosität seines Informanten überprüften. Dafür haben sich Fangfragen bewährt. In diesem Fall stellt der Journalist die Frage - häufig zu einem nebensächlichen Detail - mehrfach während des Gesprächs. Gibt der Gesprächspartner jedes Mal dieselbe Antwort, auch wenn er mit Gedanken ganz woanders ist, spricht das für die Glaubwürdigkeit des Gesagten insgesamt.

Die Art der Recherche hängt vom Thema ab

Ob der Journalist vom Schreibtisch aus oder vor Ort recherchiert, ist stark themenabhängig. Bei einer Reportage etwa nehmen das eigene Empfinden und die eigene Erfahrung auch bei der Recherche den größten Umfang ein, während das Sammeln von Tatsachen hier eher nebenbei erledigt wird.

Grundsätzlich sollten Journalisten regelmäßig vor Ort recherchieren, auch wenn dies häufig zeitaufwändiger ist. Denn sehr oft stößt der Journalist dabei scheinbar zufällig auf Themen, über die es sich zu berichten lohnt. Seine Ideen für Themen sollte der Journalist ebenfalls notieren, weil es gelegentlich länger dauern kann, bis die Idee zu einem Beitrag in die heiße Phase gehen kann. Ein Grund für Verzögerungen kann etwa darin bestehen, dass die Informanten erst gesucht werden müssen und der Journalist ein Vertrauensverhältnis zu diesen aufbauen muss.

Wichtig ist vor allem für Freelancer, anschließend die Ergebnisse ihrer Recherche zu verkaufen. Sie sollten darauf verzichten, den Beitrag nur anonym per Mail anzubieten, sondern zunächst telefonisch ein Gespräch mit der Redaktion suchen. Wer hier einen freundlichen Eindruck hinterlässt, stärkt außerdem seine Position für die Honorarverhandlungen.