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3. Platz Digitales Storytelling - "Das Rezept und die Zutaten für gute Geschichten"



  • 8 wichtige Zutaten für die konzeptionelle Planung eines Storytellings
  • Das moderne Storytelling ist das Handwerk, das Verbindung schafft
  • Die Anleitung hat seinen Ursprung in der klassischen Erzählkunst
  • In der Kindheit liegen die Wurzeln für das Verständnis von Geschichten

 

„Wer kennt es nicht? Das knisternde Feuer, Menschen versammeln sich im Kreis und lauschen den Geschichten, die fesselnd vor der lodernden Glut erzählt werden. Die züngelnden Flammen tragen die Worte mit dem Wind weiter…“

Dieses archaische Erlebnis verbindet Menschen unterschiedlichster Couleur und aller Altersstufen sowie der unterschiedlichsten sozialen Zugehörigkeit, wenn sie gemeinsam um ein Feuer sitzen. Sie erzählten sich ihre Geschichten und tauchten tief in ihre eigenen Seelenbilderwelten ein. Die Naturvölker erzählten sich nicht nur alt überlieferte Mythen, sie verwoben und erweiterten diese Mythen noch zusätzlich mit Ereignissen aus ihrem alltäglichen Leben.

Dieses knisternde Feuer, mit seinen Begeisterung entfachenden Geschichten, soll viele Menschen erreichen und nicht nur die Auserwählten, die um das Feuer versammelt sitzen. Die Geschichten, die es zu erzählen gibt, sollen Leser mitnehmen und für sie zum sinnlichen Erlebnis werden. Aus verschiedenen Blickwinkeln sollen die komplexen Zusammenhänge des Storytellings beleuchtet werden. Durch eine Komposition von Bildern, Videos und Text wird der Leser an die Hand genommen, um die Geschichte erlebbar nachspüren zu können. Storytelling ist weit mehr als lediglich einen Text gedanklich zu erfassen. Storytelling soll Bilder zu einer bedeutungsvollen Sequenz verknüpfen, Gesprochenes in Videos miterleben lassen und Text in Graphiken veranschaulichen. Diese Verflechtung von verschiedenen Medienelementen in der Geschichte löst positive Gefühle beim Leser aus und entführt ihn in die mystische Welt des Geschichtenerzählens. Die Wahrnehmung wird um eine Dimension erweitert, der Leser tritt in Interaktion und darf daran teilhaben.

Rezeptanleitung für ein gutes Storytelling

Wer sich an der klassischen Erzählkunst orientiert, die mit Gesten, Modulation der Stimme und Dynamik ihre Geschichten gestaltet, kann daraus die Art des Erzählens für das moderne digitale Storytelling variieren und ableiten. Eine wirkungsvolle Geschichte ist die, die in einem selbst lebt. Der Erzähler rezitiert nicht bloß eine Geschichte, sondern verkörpert sie mit seiner ganzen Präsenz. Die Bilder, die in einem aufblühen, werden in Worte übersetzt. Und jede zuhörende Person nimmt diese Worte auf, um ihrerseits wieder eigene Bilder daraus zu weben. Das wichtigste ist, dass die Geschichte mit Begeisterung und Hingabe erzählt wird. Sie berührt selbst und weckt etwas in einem. Die Leidenschaft, die entfesselt wird, soll wie ein Funken auf die Leser überspringen.

Geschichtenrezept

Diese Rezeptanleitung ist hilfreich bei der konzeptionellen Planung der sieben wichtigsten Fragen, vor dem Start der Geschichte:

  • Was ist das Thema? Welcher Anlass findet statt?
  • Welcher zusammenhängende Inhalt der Geschichte hat Potential? Was steckt da drin?
  • Wie sieht der rote Faden aus, der in das Rohmaterial, mit Eindrücken, Beobachtungen, Fakten und Zitaten eingearbeitet wird?
  • Wer sind die Helden/ Akteure/ Betroffenen? Welches Ziel fokussieren sie?
  • Was würde den Leser daran interessieren?
  • Was ist das Highlight meiner Geschichte und wie baue ich die Spannung dazu auf?
  • Welche Zahlen, Daten und Fakten lassen sich grafisch aufbereiten‘

Wurzeln des Geschichten Hörens liegen in der Kindheit

Ich erinnere mich noch an meine Kindheit, als ich mich in Geschichten, die mir vorgelesen wurden oder ich selber gelesen habe, darin wiederspiegeln konnte. Es waren Themen, die Menschen ein Leben lang beschäftigen, die spannend von Gegensätzen wie Leben und Tod, Liebe und Eifersucht, Angst und Mut, Verbundenheit und Beziehungslosigkeit sowie Neid und Anerkennung erzählten. Geschichten in denen ich mich als Kind wiedererkannt habe und mich über Lösungen inspirieren lassen wollte. In meiner Fantasiewelt als Kind konnte ich alle Gegenstände beleben. In den Geschichten, die ich hörte wurden die Gegenstände auch lebendig.

Steine konnten sprechen. Tiere und Bäume konnten beraten und helfen. Wesen aus Anderswelten tauchten als Helferfiguren auf. Als Kind bin ich mit meinen Helden mitgegangen. Warum fiel mir das so leicht? Kinder finden sich in der Geschichtenwelt zurecht, weil es ihrer Welt gleicht. Sie gehen mit, weil der Held, wie auch das Kind, in Not ist, bedrängt wird oder ihm etwas fehlt. Kinder sind in ihrem Alltag immer wieder in kleinen Notsituationen, die sie bewältigen müssen. Alleine in den Kindergarten gehen, von anderen ausgegrenzt werden oder einfach das Richtige tun, obwohl es die anderen nicht tun. Mit dem Helden können sie die Notsituation in der Geschichte bewältigen, indem sie mit ihm mitgehen.

Botschaft von Storytelling

Kinder spüren die Botschaften von Geschichten. Die Geschichte erzählt uns von Lebensthemen, von Not und von Lösungswegen. Das Kind fühlt sich in der Geschichte gespiegelt. Somit sagt die Geschichte zu ihm. „Ja, es ist manchmal schwer und fast nicht auszuhalten. Doch du musst dich auf den Weg machen und du wirst die Lösung finden. Denn du bist nicht alleine. Du bist mit allem verbunden und du bekommst Hilfe. Und glaube an das Unmögliche und das Unmögliche wird wahr.“ Genau hier beginnt das Storytelling für die Erwachsenenwelt. Für erwachsene Leser ist die Atmosphäre, in welcher die Geschichte erzählt wird, genauso wichtig, wie für Kinder. Mit Storytelling entführen wir die Leser in eine andere magische Welt. Diesen Übertritt richtig zu gestalten ist elementar. Mit Kindern kann z.B. durch ein Tor gegangen werden. Mit den modernen Hilfsmitteln, die als Elemente im digitalen Storytelling zur Verfügung stehen, kann das eine Bildergalerie oder Videosequenz sein, die dafür verwendet wird. Der Leser betritt die Geschichte und kann eintauchen. Am Ende wird er wieder durch ein imaginäres Tor durchgehen und wieder im „Hier und Jetzt“ ankommen.

Chance von Storytelling

Mit Storytelling haben wir die Chance, die Kunst des modernen Geschichtenerzählens, neu zu beleben. Ein amerikanischer Ureinwohner vom Stamm der Muskogee Creek hat einmal gesagt: „Eine Kultur, die keinen Geschichtenerzähler mehr hat, wird bald keine Kultur mehr sein.“ Die alten Völker erkannten die Gefahr, die uns verloren geht, wenn wir keine Geschichtenerzähler mehr haben. „Das mündliche Erzählen verbindet die Menschen, indem es sie zusammenführt. Es verbindet sie aber auch seelisch emotional, weil die Erzählerin immer im Blickkontakt mit den Zuhörenden ist. Weiterhin verbindet es geistig, weil wir als Gruppe danach das Erlebte austauschen können. Zusätzlich wurde die Geschichte durch das mündliche Erzählen im Volk und durch das Volk über die Jahre modelliert. Es hat die Volksseele in sich aufgenommen. Vielleicht würde uns das Urgedächtnis verloren gehen. Etwas was uns alle verbindet.“, sagt Conchi Vega, Märchenerzählerin, geboren in Peru und heute in Zürich, in der Schweiz lebend.

Legitimität des Storytellings

Aufgrund der Erkenntnis, welche Chancen das Storytelling bietet, ist es legitim, eine neue Form des Geschichtenerzählens für seine Leser zu verlangen. Dritt- bzw. viertklassige Themen und Anlässe erhalten so mehr Potential für eine breitere Aufmerksamkeit. Auch wiederkehrende Themen können mit dieser Darstellung neu aufbereitet und schmackhaft angeboten werden. Es ist essentiell, die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln anzubieten, damit das Interesse des Lesers geweckt wird. Das Leseerlebnis soll zu einer sinnlichen Erfahrungsreise gemacht werden, die visuelle, akustische, ja sogar regelrecht haptische, gustatorische und olfaktorische Bilder zulässt. Diese eingebauten Gedächtnisbilder werden beim Leser mit Erfolgsfaktoren assoziiert und mit Aufmerksamkeit belohnt. Geschichten können weitergestrickt, kommentiert, ausgetauscht, modifiziert und in einer Vielfalt weitergeben werden.

Fazit zum Storytelling

Das Wissen um das Geschichtenerzählen ist nicht neu. Wir haben jedoch neue Werkzeuge bekommen. Mit den modernen Hilfsmitteln haben wir die Möglichkeit das Handwerk wieder neu zu beleben. Den Begeisterungsfunken, wie bei dem entzündenden knisternden Feuer, gilt es neu zu entfachen und die Neugierde der Leser für Geschichten zu wecken. Ich finde es wichtig mittels digitalen Storytelling oder Scrollytelling Geschichten neu aufzubereiten. Ich habe den Eindruck, dass wir neu aufbereitete Geschichten brauchen. Geschichten, die uns Sicherheit geben, die uns helfen eine Kultur, eine moderne Gesellschaft und die Werte, die sie verkörpern, zu verstehen. Geschichten, die das Leben beschreiben. Auch die moderne Gesellschaft hat Angst, spürt Trauer, empfindet Eifersucht und hat Hoffnung. Wir leben und sterben immer noch und all unsere Werte sind in den tagtäglichen Geschichten durchgängig vertreten. Storytelling ist das Handwerk, das Verbindung schafft. Das lebendige Bild, das entsteht und einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die Chance, sich mit Themen zu beschäftigen, die uns sonst entgehen würden.

Fotos: Nadja Hillgruber


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