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2. Platz Digitales Storytelling - "Scrollytelling – So gelingt das interaktive Geschichtenerzählen"



Von Victoria Scherff und Marion Schneider

Scrollytelling ermöglicht dem Online-Journalismus ganz neue Darstellungsformen. Dieser Designtrend des multimedialen und interaktiven Geschichtenerzählens stellt Journalisten jedoch gleichzeitig vor neue Herausforderungen.

Veränderungen durch Digitalisierung

Die Digitalisierung hat die Erzählweise von Journalisten verändert. Während im klassischen Printangebot Text dominiert, können online Bild, Ton und Bewegtbild miteinander kombiniert werden. Nicht zuletzt ermöglichte die Digitalisierung den direkten Austausch zwischen Journalist und Leser. Feedback erscheint nun nicht mehr in der nächsten Ausgabe des Leserbriefes, sondern wird zeitgleich gesendet, gelesen und verbreitet.

Unser Leseverhalten ist online anders, wir greifen oft mobil auf Artikel und Videos zu, unsere Aufmerksamkeitsspanne ist manchmal so gering wie die Diagonale unseres Smartphones. Erfolgsstories wie die von Instagram und Pinterest zeigen, dass die Verbreitung ästhetischer Bilder den Nerv unseres visuell geprägten Zeitalters treffen.

Gute Inhalte verkaufen sich von selbst? Diese Theorie funktioniere im digitalen Business nicht mehr, so Jennifer Schwanenberg im Fachjournalist-Interview. Der Erfolg eines Artikels bedingt sich nicht mehr nur thematisch, sondern orientiert sich vor allem am richtigen Format und der Marketingstrategie, so Schwanenberg.

Multimedia-Journalismus

Online-Journalismus ermöglicht multimediales Storytelling, das dem Nutzer Wissen und Informationen optisch anspruchsvoll vermittelt. Das interaktive Scrollytelling ist ein Format, was mit Bildern und Videos bespickten Artikeln ordentlich Konkurrenz macht. Das Magazin für digitales Business t3n bezeichnet Scrollytelling gar als „die Königsdisziplin des Multimedia Journalismus“. Beeindruckende Stories bildgewaltig zu präsentieren – das ermöglicht Scrollytelling.

Der Designtrend Scrollytelling bringt die User Experience zu einem neuen Level: Bewegte Bilder, Animationen und Text, die durch den User mittels Scrollen gesteuert werden können. Erzählt werden oft bildgewaltige Geschichten wie das Scrollytelling- Paradestück "Snow Fall" der New York Times von 2012, die durch ihre komplexe Aufarbeitung dem User leichter und umfangreicher vermittelt werden.

Screenshot: „Snow Fall“ New York Times, 2012

Das Storyboard: flexibles Rückgrat

Solch umfangreiche und technisch komplex aufbereitete Geschichten erfordern von Journalisten besondere Vorbereitung. Ein Storyboard hilft dabei, die Geschichte zu fokussieren und inhaltlich zu unterteilen. Zudem wird geklärt, welcher Aspekt der Geschichte mit welchem Medium erzählt wird. Für jede Seite bzw. jedes Kapitel wird ein individuelles Storyboard erstellt. Das Storyboard ist das Rückgrat der Scrollytelling- Geschichten. Je besser es ausgearbeitet ist, desto besser hält es die fertige Geschichte aufrecht.

Im Storyboard hält man die einzelnen Inhalte der Geschichte fest und entscheidet, wie sie auf der Website angeordnet werden sollen. Das Storyboard wird meist handschriftlich erstellt – z. B. auf einem Whiteboard oder auf Papier, das dann an die Wand geklebt wird. Wichtig ist, dass man flexibel ist, denn selten ist die Erstellung des Storyboards beim ersten Mal final. Die verschiedenen Elemente müssen sich verschieben oder korrigieren lassen.

Komplexe Inhalte darstellen

Scrollytelling eignet sich besonders für komplexe Inhalte, bei denen es viel zu erzählen gibt. Umso wichtiger ist es, den roten Faden – also den Kern der Geschichte – nicht aus den Augen zu verlieren. Sich durch zwanzig Seiten zu klicken, verlangt dem Leser viel Eigeninitiative und Geduld ab. Merkt er dann, dass er sich durch Inhalte klickt, die nichts mit der eigentlichen Story zu tun haben, wird er vermutlich abspringen.

Als Autor sollte man sich deshalb vorab fragen, warum gerade diese eine Geschichte wichtig und erzählenswert ist. Welche spannenden Hauptpersonen gibt es? Auf der zweiten Ebene schaut man sich schließlich die einzelnen Aspekte der Geschichte genauer an und überlegt, mit welchem Medium sich die einzelnen Aspekte besonders gut darstellen lassen.

  • Text eignet sich für Tiefgang und Analyse.
  • Audio und Video wirken sehr authentisch.
  • Ein Foto eignet sich für die Dokumentation. Es kann aber auch sehr emotional sein und einen wichtigen Punkt der Geschichte hervorheben.
  • Eine Audio-Slideshow, also eine Mischung aus Bildern und O-Tönen, ist sehr authentisch und emotional.
  • Daten erhöhen die Glaubwürdigkeit und können interaktiv dargestellt werden.
  • Grafiken machen komplexe Sachverhalte leicht erfassbar.

Die Medien sollten einander sinnvoll ergänzen, Dopplungen müssen vermieden werden. Wenn ein Medium keinen Mehrwert für den Nutzer bringt, sollte man es gnadenlos heraus redigieren.

Aufbau: nicht überfrachten 

Bei der Erstellung des Storyboards muss sich der Autor überlegen, wie die Geschichte unterteilt werden soll. Dies ist zum einen aus erzählerischer Perspektive wichtig, schließlich handelt es sich hier um Storytelling – also das Erzählen einer Geschichte. Die Geschwindigkeit, mit der sich der Leser in der Geschichte vorwärts bewegt, Spannung und Handlungsbogen müssen bedacht und beim Aufbau berücksichtigt werden. Des Weiteren sollte pro Seite – sofern man mit der Aufteilung in einzelnen Seiten arbeitet – nicht mehr als ein Aspekt bzw. Gedanke präsentiert werden. Die Funktion und die Gestaltung einer jeden Seite müssen klar sein.

Screenshot: RBB Web-Doku „Zwischen den Geschlechtern“, 2015

Wie eingangs erwähnt, kämpfen Online-Journalisten gegen die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne ihrer Leser an. Darum sollte man eine Seite nicht mit zu vielen Elementen überlasten. Laut George A. Millers Chunking-Theorie beträgt die Gedächtnisspanne des Menschen fünf bis neun Chunks, gebündelte Informationen, wobei der Inhalt der einzelnen Chunks unbedeutend ist. Erfolgreiche Scrollytelling- Projekte wie die SWR-Webdoku "Jeder Sechste ist ein Flüchtling“ von 2015 haben sogar noch weniger Elemente auf einer Seite.

Was das Scrolling betrifft, so kann man sich zwischen der Scroll-Driven-Animation und dem One-Page-Scroll entscheiden. Bei Ersterem kann sich der Leser frei im Text auf und ab bewegen, bei Letzterem wird durch den Scroll eine neue Seite geladen. Oft nimmt einem das verwendete Tool die Entscheidung ab. Pageflow arbeitet beispielsweise mit einzelnen Seiten.

Über das Design und den Inhalt der Startseite sollte man beim Scrollytelling besonders gründlich nachdenken. Schließlich entscheidet sich hier, ob der Leser zum Weiterlesen animiert wird. Welchen multimedialen Eyecatcher und welche Inhalte möchte man hier präsentieren? 

 

Screenshot: SWR-Webdoku „Jeder Sechste ist ein Flüchtling“, 2015

User Experience und technische Herausforderungen

Man sollte davon ausgehen, dass der Leser nicht unbedingt mit Scrollytelling-Formaten vertraut ist, schließlich sind diese noch relativ neu und selten. Wird dem Nutzer von Anfang an klar, dass er mit der Seite interagieren und wie er sich in der Geschichte vorwärts bewegen soll? Die Navigation muss einfach und intuitiv sein, sonst vergeht dem Leser die Lust am Scrollen. Bewährt hat sich eine Positionsanzeige. So behält der Leser den Überblick, wo er sich gerade im Text befindet und kann auch direkt zu einem bestimmten Punkt springen.

Die Ladezeiten der multimedialen Geschichten sind oft lang, besonders wenn man nicht an einem leistungsstarken PC sitzt und womöglich auch keine W-LAN-Verbindung hat. Dies betrifft den großen Teil der mobilen Medienkonsumenten. Asynchrones Laden der Artikel ist darum sinnvoll. Zunächst sollte die aktuell sichtbare Seite geladen werden und während der Nutzer liest, lädt der Rest der Geschichte.

Außerdem sollte man sich überlegen, ob man Fotos, Videos oder Texte hinter Verlinkungen anbieten möchte. In dem Fall muss man davon ausgehen, dass nur ein kleiner Teil der Leser sie sehen und dass kein Leser auf alle Verlinkungen klicken wird. Darum sollten solche Formate nur für zusätzliche Informationen gewählt werden, die nicht relevant für den Fortgang der Geschichte sind.

Man muss sich darüber Gedanken machen, welche Technik und Programmierung für die einzelnen multimedialen Features benötigt werden. Dabei sollte man beachten, dass der Beitrag auf einem großen Desktop-Computer genauso gut aussehen muss, wie auf einem kleinen Smartphone-Bildschirm. Responsive – also auf das Ausgabegerät reagierendes – Design heißt das Zauberwort. Praktisch bedeutet das, dass es kein festes Layout sowie keine festen Schrift- oder Bildgrößen gibt. Wenn man nicht gerade ein Team an Grafikern und Entwicklern zur Verfügung hat, wie die New York Times bei "Snow Fall", sollte man auf ein Tool zurückgreifen, das die Inhalte direkt responsive darstellt.

Letztlich geht es auch bei diesem Designtrend um die Urform des Journalismus: Eine gute Geschichte richtig gut zu erzählen. Scrollytelling hat den Online-Journalismus diesbezüglich einen großen Schritt weitergebracht.

Eine Übersicht von guten Scrollytelling-Tools bietet der Fachjournalist.


Das Kolleg-Blog ist das eMagazin des Deutschen Journalistenkollegs. Als weiteres Nachwuchsprojekt veröffentlichen hier unsere Absolventen und Journalistenschüler Beiträge zu zahlreichen Themen. Neben ausgewählten Examensarbeiten unserer Absolventen finden Sie hier auch Beispiele von Arbeitsaufträgen aus unseren Praxiswerkstätten. Die Themenvielfalt erstreckt sich inhaltlich über alle Kurseinheiten und Mediengattungen des Lehrangebotes des Deutschen Journalistenkollegs, so wird unsere Ausbildung für unsere Journalistenschüler und Interessenten lesbar, sichtbar und hörbar.

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